Invitation to Rüsselsheim: Mark Adams (left) and Gilles Vidal talk to journalists about brand identity, courageous design and the future of Opel's design language.

„Gutes Design ist mehr als Ästhetik“

Gilles, was ist gutes Design?

Gilles Vidal: Design ist offiziell der wichtigste Kaufgrund für ein Auto in Europa – noch vor Preis oder Leistungsdaten. Genau deshalb reicht es nicht mehr aus, einfach ein „gut aussehendes“ Auto zu gestalten. Gutes Design ist mehr als Ästhetik; es ist heute eine komplexe Wissenschaft und zugleich eine Kunstform. In einem extrem wettbewerbsintensiven Umfeld muss es vor allem eines leisten: herausstechen. Entscheidend ist ein klarer, unverwechselbarer Charakter. Das gelingt nur ganzheitlich – von Silhouette und Formensprache über Details, Cockpit und Interaktionen bis hin zu Farben, Materialien, Grafiken und dem gesamten Erlebnis. Unser Anspruch ist es, Marken zu schärfen und Modelle mit ikonischem Potenzial zu schaffen. Denn in dieser Welt ist es immer besser, etwas Mutiges zu tun als etwas Belangloses.

Wie unterscheidet sich der Anspruch je nach Marke?

Gilles Vidal: Die Erwartungen variieren stark je nach kulturellem Kontext. Französische oder italienische Marken können spielerischer, expressiver auftreten. Bei einer deutschen Marke sind die Erwartungen anders. Präzision, Qualität und eine gewisse Perfektion in der Verarbeitung sind grundlegend. Deshalb finde ich, dass Mark und sein Team mit „Bold & Pure“ einen hervorragenden Ansatz gefunden haben. „Bold“ bringt Energie hinein, „Pure“ steht für Klarheit – genau diese Balance wirkt zugleich deutsch und modern.

Mark Adams: Wir haben lange daran gearbeitet, unsere Haltung in zwei Worte zu fassen: „Bold & Pure“. In der Findungsphase haben wir intern oft über Dieter Rams gesprochen. Vergleicht man seine Produkte aus den späten 1950er-Jahren mit frühen Apple-Designs, erkennt man erstaunliche Parallelen: Wenn man progressiv denkt, aber sauber, reduziert und präzise umsetzt, kann Design sehr lange modern bleiben.


Gilles Vidal

Head of Design, Stellantis Europe (seit 1. Oktober 2025)
Gilles Vidal wurde 1968 in Frankreich geboren und verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung im Automobildesign. Nach Stationen bei Citroën und mehr als 25 prägenden Jahren bei Peugeot verantwortete er erfolgreiche Modelle wie den Peugeot 308, Peugeot 3008 und Peugeot 208, die mehrfach als „European Car of the Year“ ausgezeichnet wurden. Nach fünf Jahren bei der Renault Group kehrte er 2025 zu Stellantis zurück und verantwortet seither die Designstrategie der europäischen Marken des Konzerns.


Welche Faktoren entscheiden darüber, ob ein Auto zur Ikone wird?

Gilles Vidal: Opel hat eine Geschichte ikonischer Produkte. Doch das entscheiden nicht die Designer. Es wäre arrogant zu sagen: „Das wird eine Ikone.“ Das entscheidet allein die Zeit – und natürlich die Kunden. Ehrgeiz ist wichtig. Unser Ziel muss es sein, jedes Auto so zu gestalten, dass es das Potenzial zur Ikone hat. Dafür braucht es Mut. Vor 15 oder 20 Jahren war es oft einfacher, auf Nummer sicher zu gehen und konservativ zu bleiben. Heute ist die Welt schneller – Mode, Tech und Consumer Electronics entwickeln sich rasant. In diesem Kontext müssen Marken schärfer denn je sein: prägnant, fokussiert und bedeutungsvoll. Denn am Ende ist eine Ikone nicht nur ein Produkt, sondern ein Statement, das den Test der Zeit besteht.

Mark Adams: Genau darin liegt der Kern. Für mich bedeutet deutsches Denken, dass ein Auto nicht überdekoriert sein darf. Klarheit ist kein Verzicht, sondern eine Haltung. Gleichzeitig muss man die Balance halten zwischen Verwurzelung und Innovation. Unser Opel GT Concept ist dafür ein gutes Beispiel. Wir haben diese Studie vor zehn Jahren präsentiert – und sie wirkt noch heute frisch und modern. Wenn eine Idee konsequent durchdacht und präzise umgesetzt ist, kann sie zeitlos sein.

Von CD Concept (links unten) bis Opel Corsa GSE Vision (rechts oben): Charakter und klare Linien bringen über Jahrzehnte hinweg Ikonen hervor.
Reduziert, präzise, selbstbewusst: Der GT Concept von 2016 steht für die Idee von „Bold & Pure“ – progressiv, ohne Effekthascherei.
Minimalistisch gedacht, konsequent umgesetzt: Das Interieur des GT Concept demonstriert, wie Klarheit zur Markenhaltung wird.
Kraftvolle Proportionen und der markante Vizor: Der Grandland interpretiert die Philosophie der Formensprache zeitgemäß und selbstbewusst.
„Pure Experience“ im Alltag: Das Cockpit zeigt, wie Reduktion und intuitive Bedienung zur Designphilosophie werden.
Klare Signatur: Die Opel-DNA wird im neuen Astra transportiert, dem Kompaktklasse-Bestseller „Made in Rüsselsheim“.

Welche besonderen Herausforderungen bringt die Weiterentwicklung der Marke Opel mit sich?

Gilles Vidal: Der Anspruch an Perfektion in der Ausführung ist bei Opel besonders hoch – und das macht Veränderungen anspruchsvoller. Man kann nicht einfach lauter oder übertrieben werden. Man muss die Identität bewahren und zugleich den nächsten Evolutionsschritt gehen. Opel muss progressiv und mutig sein – aber niemals sensationsheischend. Das ist anspruchsvoll, aber genau darin liegt die Stärke des Teams.

Mark Adams: Für uns ist das ein produktives Spannungsfeld. Wir wissen sehr genau, wofür Opel steht – und wir wollen diese DNA nicht verwässern. Stattdessen bauen wir darauf auf und interpretieren sie neu, aber immer mit Sinn und Zweck.

Elektromobilität eröffnet neue Freiheiten im Design. Wohin geht die Reise?

Gilles Vidal: Elektroplattformen bedeuten mehr Freiheit im Packaging, andere Überhänge, ein neues Verhältnis von Kabine zu Karosserie. Technisch wird fast alles möglich. Aber Möglichkeit allein ist kein Ziel. Akzeptanz ist entscheidend. Viele Kunden möchten beim Umstieg etwas Vertrautes erkennen. Wenn man zu sehr in Richtung Science-Fiction driftet, kann es scheitern. Innovation muss progressiv wirken – aber auch Vertrauen vermitteln.

Mark Adams: Von unseren Kunden hören wir immer wieder: „Ich will einfach ein gut aussehendes Auto. Wenn es elektrisch ist – umso besser.“ Wir befinden uns aktuell in einer Übergangsphase. Aerodynamik und Effizienz werden künftig noch wichtiger werden. Das wird technologische Durchbrüche vorantreiben – und damit neue Proportionen und Karosserieformen ermöglichen.


Mark Adams

Vice President Design, Opel/Vauxhall
Mark Adams wurde 1963 im Vereinigten Königreich geboren und ist seit 2012 Chefdesigner von Opel. Nach internationalen Stationen im GM-Konzern etablierte er bei Opel die Markenformel „Bold & Pure“. Unter seiner Führung entstanden Modelle wie der aktuelle Opel Astra, Opel Mokka und Opel Corsa. Adams steht für eine klare, reduzierte Formensprache und eine präzise Positionierung der Marke innerhalb des Stellantis-Konzerns.


Gibt es heute noch Raum für emotionale Modelle wie Diplomat, Commodore oder Calibra?

Mark Adams: Opel ist traditionell stark in nordeuropäischen Märkten, wo eine große Affinität zu ikonischen Fahrzeugen der Vergangenheit besteht. Natürlich können wir Modelle entwickeln, die den Geist früherer Ikonen tragen – mit Charakter, Präsenz und Persönlichkeit – und sie zugleich so interpretieren, dass sie ein modernes Publikum ansprechen.

Gilles Vidal: Ich habe eine sehr persönliche Beziehung zu Opel. Mein Vater und mein Großvater waren Opel-Händler. Mein erstes Auto war ein Opel Corsa, und ich träumte von einem Calibra. Ich erinnere mich an diese Präsenz, dieses Leistungsgefühl. Solche Eigenschaften – Persönlichkeit, Energie, Charakter – lassen sich heute modern interpretieren und demokratisieren.

Viele Cockpits wirken heute ähnlich. Wie wichtig ist eine markenspezifische User Experience?

Gilles Vidal: Sie ist absolut entscheidend. Einerseits müssen wir das höchste Maß an Nutzererlebnis liefern: intuitiv, sicher und ergonomisch einwandfrei. Das ist die Basis. Doch über die Funktion hinaus muss ein Cockpit die Marke ausdrücken. Das Erlebnis muss sich unverkennbar nach Opel anfühlen. Das gelingt nur, wenn alles als eine kohärente Vision gedacht wird: Exterieur- und Interieur-Design, UX und UI, Grafik, Licht, Materialien. Sie dürfen nicht isoliert entwickelt werden. Wenn all diese Elemente dieselbe Sprache sprechen, entsteht mehr als eine funktionale Schnittstelle – es entsteht ein echtes Markenerlebnis.

Mark Adams: Bei Opel sprechen wir von einer „Pure Experience“. Viele Menschen empfinden moderne Fahrzeuge als überladen. Unser Ziel ist Klarheit. Unsere Innenräume sollen intuitiv und reduziert, zugleich aber immersiver und emotionaler sein.

Im Dialog über Mut, Identität und Evolution: Die Designer erläutern, wie aus klarer Haltung unverwechselbare Marken entstehen.
Gilles Vidal verantwortet als Head of Design die kreative Ausrichtung der europäischen Stellantis-Marken. Mark Adams ist Vice President Design Opel/Vauxhall.

Wird es wieder mehr Mut bei Farben und Materialien geben?

Gilles Vidal: Auf jeden Fall. Lange dominierten Schwarz, Weiß und Grau. Doch die Welt öffnet sich wieder für Farbe und Lebensfreude. Kreativität in Form, Licht, Grafik und Materialien gewinnt an Bedeutung. Hier werden wir mutiger.

Mark Adams: Die klare Antwort ist: Ja! Was das betrifft, haben wir bei Opel einiges in Vorbereitung. Frisch, modern und ansprechend – aber immer im Einklang mit der DNA der Marke.

Wie klar ist die Designpositionierung von Opel aktuell?

Gilles Vidal: Heute steht Opel für starke, hochwertige Produkte mit klaren und selbstbewussten Statements. Es gibt eine visuelle Präzision und Fokussierung, die eine sehr zukunftsorientierte Haltung vermitteln. Gleichzeitig wird die Welt schneller – der Ausdruck kann intensiver werden, aber immer kontrolliert und im Einklang mit den Wurzeln.

Mark Adams: Ja, wir haben eine sehr klare und scharf definierte Positionierung. Und nicht zu vergessen: Wir sind die einzige deutsche Marke im Konzern – das ist eine wichtige Rolle. Wir haben viel in der Pipeline, mit sehr spannenden progressiven Designs für die Zukunft.


März 2026

Fotos: Opel