Der lange Weg nach Monaco

Was heißt es eigentlich, Opel Geschichte lebendig zu halten? Ist es ein Eintrag im Archiv? Eine Skizze aus der Entwicklungsabteilung? Eine Produktionszahl in einer Statistik? Oder ist es der Augenblick, in dem ein 87 Jahre alter Opel Olympia bei minus 18 Grad durch einen Schneesturm fährt – auf exakt derselben Route wie 1939? Das Projekt Monte Carlo Tribute 1939 wollte genau das herausfinden. Für Sławomir Poros war es nie nur eine Oldtimerfahrt. Der polnische Automobilhistoriker beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Vorkriegs-Motorsportgeschichte seines Landes – und damit auch mit der Rolle, die Opel dabei spielte.

Je tiefer er in Archive, Fotos und Zeitungsberichte eintauchte, desto klarer wurde ihm: Die Geschichte des Opel Olympia von 1939 war mehr als eine Randnotiz. Sie war ein Symbol für Mut, Ingenieurskunst und europäische Verbindungen in einer bewegten Zeit. „Man wollte damals die Welt beeindrucken – nicht mit Worten, sondern mit Taten“, sagt Poros.


Aus diesem Gedanken entstand eine Entscheidung: Wenn man zeigen will, was die Summe aus Herkunft, Haltung und Erinnerung wirklich bedeutet, muss man sie erlebbar machen. Genau deshalb beschloss der Automobilhistoriker, die Fahrt von 1939 nicht nur zu recherchieren oder zu dokumentieren, sondern sie tatsächlich zu wiederholen – auf derselben Route, unter möglichst ähnlichen Bedingungen und mit einem nahezu originalen Opel Olympia. Nicht als Inszenierung, sondern als gelebte Kontinuität.

Das polnische GM-Montagewerk Lilpop, Rau & Loewenstein – historische Presseanzeige zur Rallye Monte Carlo aus dem Jahr 1939.
Der Tag vor dem Start: Der Opel Olympia im Hafen von Tallinn, bereit für das historische Abenteuer.
Ebenfalls am Vortag: Letzte Vorbereitungen und ein stimmungsvoller Zwischenstopp in der Altstadt von Tallinn.
Sławomir Poros Jr. und sein Vater Sławomir Poros Sr. vor der Nationaloper in Tallinn – nur wenige Minuten vor dem Start.
Das Foto zeigt das polnische Team mit der Startnummer 122 bei der Rallye Monte Carlo 1939: Witold Pajewski (links) und Tadek Marek.
Der frühere Olympia-Besitzer Hans Ragnarson (links) war beim Start dabei; hier beim Fachsimpeln mit Marian Stoch, einem der Fahrer.

Ein Opel mit Geschichte

Der gewählte Wagen, ein Opel Olympia OL38, ist zu rund 90 Prozent im Originalzustand erhalten. Keine moderne Aufrüstung, keine Komfortverbesserungen. Keine optimierten Sitze, keine modifizierte Aufhängung. „Es gibt einen Unterschied zwischen ‚fahrbereit‘ und ‚bereit für eine Herausforderung‘“, erklärt Poros.

Gemeinsam mit dem Team von „Sniadanie & Gablota Classic“ – allen voran seinem Vater, Sławomir Poros Senior, als Chefmechaniker – wurde das Fahrzeug akribisch vorbereitet. Instrumente, Scheibenwischer, Bremsen, Motor, Fahrwerk: Jedes Detail wurde überprüft, revidiert, verstanden. Denn wer ein historisches Auto wirklich kennt, weiß auch, wo seine Grenzen liegen – und wie man es im Ernstfall am Straßenrand bei minus 20 Grad repariert.

Der Olympia trägt den Namen „Hans“, benannt nach einem früheren Besitzer, der dem Wagen so verbunden war, dass er eigens aus Schweden nach Tallinn anreiste, um den Start mitzuerleben. „Einerseits ist Hans für uns ein Familienmitglied“, sagt Poros Junior. „Andererseits ist er eine Maschine – ein kleiner Herausforderer und ein großartiger Erinnerungsmacher.“

Mit Sorgfalt ins Ziel: Chefmechaniker Sławomir Poros Senior bei einer der obligatorischen Servicepausen.
Zwischenstopp im Musée Automobile Reims-Champagne: Ein Pflichttermin für Liebhaber der französischen und internationalen Automobilgeschichte.
Marian Stoch, einer der drei Fahrer des Monte Carlo Tribute 1939 (MCT39), unterwegs auf historischer Route.
Station am Berliner Olympiastadion: Der Opel Olympia verdankt seinen Namen den XI. Olympischen Sommerspielen.
Überreste der Rennstrecke Reims-Gueux: Zwischen 1950 und 1966 wurde hier der Große Preis von Frankreich ausgetragen.
Die Rennstrecke Reims-Gueux als eindrucksvolle Kulisse, die bis heute den Geist vergangener Motorsportepochen atmet.

Am 27. Januar begann die Reise dort, wo 1939 bereits die Rallye Monte Carlo startete: vor dem Hauptportal der Estnischen Nationaloper in Tallinn. Dank lokaler Unterstützer durfte der Olympia exakt an diesem historischen Ort auf die Strecke gehen. Auch die Route orientierte sich konsequent am Original. Alle damaligen Kontrollstationen wurden erneut angesteuert – basierend auf einer Presseanzeige von 1939. Die Historie wurde nicht interpretiert. Sie wurde rekonstruiert.

Winterprüfung für Mensch und Maschine

Die schwierigste Phase wartete in Litauen und Lettland. Schneestürme, vereiste Straßen, minus 18 Grad, eingeschränkte Sicht – zwei Tage lang. Ein Tankwart in Bauska sprach vom härtesten Winter seit Jahren. Bedingungen, die jenen von 1939 sehr nahegekommen sein dürften. Der Olympia bewährte sich. Nach 87 Jahren zeigte die Konstruktion ihre Robustheit. Lediglich zwei kleinere Zwischenfälle – eine Justierung im Zündverteiler und ein Problem mit dem Nadelventil im Vergaser – unterbrachen die Fahrt kurzzeitig.

Saint-Bruno-Kirche in Voiron: Ein architektonisches Juwel auf dem Weg Richtung Mittelmeer.
Kurze Kaffeepause im Café – ein Moment zum Durchatmen zwischen anspruchsvollen Etappen.
Irgendwo in Frankreich – unterwegs auf den historischen Spuren der Rallye Monte Carlo von 1939.
Noch einmal Frankreich: Der Opel Olympia auf traumhaften Landstraßen, die heute ebenso faszinieren wie vor über 85 Jahren.
Nach anspruchsvollen Etappen in den baltischen Staaten folgten ideale Bedingungen in den Niederlanden, Belgien und Frankreich.
Besuch in Hostun (Frankreich): Rund um den Ort wurden einst Wertungsprüfungen der Rallye Monte Carlo gefahren. Auf dem Bild: das gesamte MCT39-Team mit dem Bürgermeister.

„Nach 87 Jahren ist dieses Auto immer noch großartig“, sagt Poros mit spürbarem Respekt. Später forderten die Berge bei Grenoble und fast 300 Kilometer Starkregen auf dem Weg nach Nizza nochmals volle Konzentration – besonders mit einem mechanischen Scheibenwischersystem aus den 1930er Jahren.

Der emotionalste Moment

Der bewegendste Augenblick kam nicht im Schnee und nicht in den Bergen – sondern im Ziel. Als der Olympia am 6. Februar in Monte Carlo eintraf, während der 28. Rallye Monte Carlo Historique, stand sein Vater am Streckenrand. „Als ich ihn dort überglücklich sah, war das mein emotionalster Moment“, erzählt Poros Junior. „Er trug die volle Verantwortung für das Auto. Fahrer sind wichtig – aber ohne zuverlässige Technik fährt niemand irgendwohin.“ Der Empfang durch den Automobile Club de Monaco fühlte sich für das Team wie eine Zeitmaschine an. 1939 und 2026 lagen plötzlich nur noch eine Motorhaubenlänge auseinander.

Auf dem Weg ins Ziel nach Monte Carlo – die letzten Kilometer einer außergewöhnlichen Reise.
Reine Freude nach 3.800 Kilometern im Opel Olympia – Anstrengung und Begeisterung liegen hier nah beieinander.
Im Ziel: Alle drei Fahrer des MCT39, Marian Stoch (links), Sławomir Poros Sr. und Sławomir Poros Jr., feiern das erfolgreiche Finish.
Stimmungsvolles Abendlicht in Monte Carlo – ein würdiger Abschluss einer besonderen Reise.
Géry Mestre, Vorsitzender der Classic Car Commission des Automobile Club de Monaco, begutachtet den Opel Olympia.
Glücklich im Ziel: Sławomir Poros Jr., Initiator und treibende Kraft hinter dem Monte Carlo Tribute 1939.

Eine europäische Geschichte

Entlang der Strecke erlebte das Team enorme Unterstützung – von Oldtimer-Enthusiasten in Estland über einen Empfang im Rīgas Motormuzejs bis hin zu spontanen Hilfsangeboten in Litauen und Polen. Diese Reise war nicht nur eine Hommage an Tadeusz „Tadek“ Marek und Witold Pajewski. Sie war auch ein Beweis für den europäischen Geist, der Opel schon in den 1930er Jahren prägte: entwickelt in Rüsselsheim, montiert in Warschau, gestartet in Tallinn, gefeiert in Monaco. Während der gesamten Fahrt stellte sich Poros immer wieder dieselbe Frage: „Worüber haben Marek und Pajewski damals im Auto wohl gesprochen?“ Vielleicht über die Straße vor ihnen. Vielleicht über die Technik. Vielleicht über die Zukunft.

Der Opel Olympia war ein mutiges Auto – technisch visionär, international präsent und bereit für Herausforderungen. 1939 fuhr er von Tallinn nach Monte Carlo. 2026 tat er es wieder. Und dank Sławomir Poros wurde aus einem historischen Eintrag im Archiv eine lebendige Markengeschichte auf vier Rädern. Der Automobilhistoriker bedankt sich ausdrücklich bei allen Mitstreitern des Monte Carlo Tribute 1939, dem Team von Sniadanie & Gablota Classic: Sławomir Poros Sr., Marian Stoch, Rafał Pilch, Szymon Wolny, Maciej Jasinski, Paweł Szymula, Damian Górniak und Krzysztof Stasiak – ohne deren Leidenschaft, Einsatz und Teamgeist dieses außergewöhnliche Projekt nicht möglich gewesen wäre.

Und wir danken Sławomir Poros Junior, dass er die schöne Geschichte mit uns und den Lesern der Opel Post geteilt hat!


März 2026

Fotos: Sniadanie & Gablota Classic