Zurück ins Jahr 1909

Das Rolltor fährt nach oben. Dahinter steht ein kleiner roter Opel. Baujahr 1909. Hans Reitinger bleibt stehen. Erst schaut er den Wagen an. Dann Leif Rohwedder. „Darf ich den wirklich fahren?“ Rohwedder lächelt. „Natürlich.“ Mit dieser Antwort endet für den 70-Jährigen eine monatelange Überraschung. Sein Schwager Daniel Neumann hatte heimlich bei Opel Classic angefragt.

Keine Presseaktion. Kein offizieller Termin. Nur ein Geburtstagswunsch: Einmal ein Automobil aus den Anfängen der Marke selbst fahren. Solche Anfragen gehören nicht zum Alltag. Historische Originale sind einzigartige Zeitzeugen. Umso größer ist die Freude, als das Team um Leif Rohwedder beschließt: Diesen Wunsch erfüllen wir.

„Der Doktorwagen machte aus einem Luxusgut ein Fahrzeug mit praktischem Nutzen.“

– Leif Rohwedder, Leiter Opel Classic –

Als sich das Hallentor bei Opel Classic öffnet, wartet auf Hans Reitinger eine besondere Geburtstagsüberraschung – ein Opel 4/8 PS von 1909.
Leif Rohwedder erklärt, warum der 4/8 PS zum „Doktorwagen“ wurde – und weshalb er den Automobilbau bei Opel nachhaltig veränderte.
Hans Reitinger erkundet, was unter der Haube des Doktorwagens steckt. Er war für seine Zeit technisch fortschrittlich – und vor allem auf zuverlässigen Alltagseinsatz ausgelegt.
Beim 4/8 PS gießt Opel erstmals alle vier Zylinder in einem Block. Eine damals moderne Konstruktion, die einen wichtigen Schritt in der Motorenentwicklung markiert.
Gekuppelt wird mit dem linken Pedal – so weit, so gewohnt. Doch mit dem rechten Fuß gibt man kein Gas, sondern betätigt die Fußbremse, die direkt auf die Kardanwelle wirkt.

Während Hans Reitinger den Wagen umrundet, erzählt Leif Rohwedder seine Geschichte. 1909 ist das Automobil noch immer überwiegend ein Luxusgut. Adam Opel selbst hatte die neuen Fahrzeuge einst skeptisch als „Spielzeug für Millionäre“ bezeichnet. Tatsächlich kosten große Opel-Luxuswagen damals bis zu 19.000 Mark – unerschwinglich für die meisten Menschen. Doch die Rüsselsheimer erkennen eine Marktlücke. Ärzte, Tierärzte, Rechtsanwälte oder Handlungsreisende brauchen ein Auto, das zuverlässig ist, schmale Landstraßen meistert und ohne Chauffeur gefahren werden kann. Genau dafür entwickelt Opel den 4/8 PS. Der Preis von 3.950 Mark liegt nicht einmal bei der Hälfte seines Vorgängers.

Vom Luxusgut zum Gebrauchsauto

Damit wird das Automobil auch für Menschen interessant, die es nicht zum Luxus, sondern für ihren Beruf brauchen. Im Verkaufsprospekt heißt es selbstbewusst: „Das Ideal für Ärzte, Tierärzte, Rechtsanwälte etc., ohne Chauffeur zu benutzen.“ So entsteht sein bis heute berühmter Spitzname: Doktorwagen. Für Opel wird das Modell zum Durchbruch im Automobilbau. Das Exemplar, das Hans Reitinger heute bestaunt, gehört vermutlich bereits seit den 1930er-Jahren zur historischen Sammlung des Unternehmens. Sicher ist: Schon 1937 rollte es beim 75-jährigen Firmenjubiläum durch Rüsselsheim.

Jetzt wird’s ernst: Hans Reitinger fährt den Doktorwagen selbst, Leif Rohwedder nimmt auf dem Beifahrersitz Platz. Nach kurzer Einweisung beginnt die Zeitreise auf vier Rädern.
Die Radnabe trägt den historischen Opel-Schriftzug. Vom „A“ und „O“ bis zum Blitz hat sich auch das Opel-Logo immer wieder verändert. Die ganze Geschichte gibt es hier: Zeichen der Zeit.
Gas geben per Hand: Über den Hebel am Lenkrad, das sogenannte Handgas, regelt der Fahrer die Motorleistung.
Die Hauptscheinwerfer werden mit Acetylen betrieben, als Reserve gibt es zusätzlich Petroleumlampen.
Holz, Metall, Schrauben, Federn: Eine Detailaufnahme, die zeigt, wie viel Handwerk im Wagen steckt.

Bevor gefahren wird, gibt es Unterricht. Elektrischer Anlasser? Fehlanzeige. Benzinhahn öffnen. Pumpen. Kurbeln. „Früher war das nicht ungefährlich“, erklärt Rohwedder. Schlug der Motor zurück, konnte das ordentlich aufs Handgelenk gehen. „Die Erfindung des elektrischen Anlassers war deshalb ein echter Segen.“ Hans Reitinger setzt die Anlasserkurbel an. Ein kräftiger Schwung. Der kleine Vierzylinder erwacht mit seinem ruhigen mechanischen Tuckern. Auch technisch ist der kleine Opel seiner Zeit voraus: Erstmals gießt Opel alle vier Zylinder in einem Block.

Mehr Hebel als Pedale

Hans Reitinger nimmt auf dem lederbezogenen Sitz Platz – fast einen Meter über der Straße. Türen gibt es nicht, eine Windschutzscheibe ebenfalls nicht. Eingestiegen wird über das geschwungene Trittbrett. Normalerweise fährt der ehemalige Opelaner einen Opel Mokka. Heute hält er ein großes Holzlenkrad in den Händen. Und fast alles funktioniert anders. Gas gibt Reitinger nicht mit dem Fuß, sondern über einen Hebel am Lenkrad. Geschaltet wird mit dem außenliegenden Kulissenschalthebel rechts neben dem Sitz. Auch beim Bremsen ist Umdenken gefragt: Die Fußbremse wirkt auf den Antriebsstrang, die Handbremse auf die Hinterräder. Soll der Doktorwagen möglichst schnell zum Stehen kommen, braucht es beides.

„Man fährt nicht einfach ein Auto. Man fährt ein Stück Geschichte.“

– Hans Reitinger –

Mit dem Opel 4/8 PS gelingt der Marke 1909 – zehn Jahre nach dem Einstieg in die Branche – der endgültige Durchbruch im Automobilbau.
Der bezahlbare und einfach zu bedienende Wagen macht das Auto erstmals für eine breitere Käuferschicht attraktiv.
Vor allem Ärzte, Tierärzte und Handlungsreisende setzen auf den zuverlässigen „Selbstfahrer“.

Hans Reitinger liebt seit Jahrzehnten alles, was vier Räder hat – und fährt, was sich fahren lässt. Auch die ungewohnte Technik von 1909 hat er schnell im Griff. Er rollt los. Erst vorsichtig, dann immer selbstverständlicher. Der kleine Vierzylinder tuckert, Fahrtwind kommt ungefiltert ins Gesicht, rechts sitzt Leif Rohwedder. Viel Auto ist zwischen Fahrer und Straße nicht. Schon deshalb fühlt sich Tempo hier anders an als in einem modernen Wagen. Was heute gemütlich klingt, kann sich im Doktorwagen erstaunlich schnell anfühlen. Reitinger lenkt, gibt per Hand Gas, schaltet – und lächelt. Nach wenigen Metern scheint die mehr als 100 Jahre alte Bedienung ihren Schrecken verloren zu haben. „Man fährt nicht einfach ein Auto“, sagt er später. „Man fährt ein Stück Geschichte.“

Für das Team von Opel Classic gehört es zum Alltag, historische Fahrzeuge zu bewahren. Sie in Bewegung zu erleben, bleibt trotzdem etwas Besonderes. Denn jedes Fahrzeug ist ein unwiederbringliches Original. Hans Reitinger steigt mit einem breiten Lächeln aus. Sein Schwager Daniel Neumann hat ihm ein außergewöhnliches Geburtstagsgeschenk gemacht. Das Team von Opel Classic hat daraus eine Zeitreise werden lassen. Vor 117 Jahren sollte der Doktorwagen das Automobil für mehr Menschen erreichbar machen. An diesem Tag macht er vor allem eines: ein Geburtstagskind sehr glücklich.

Normalerweise fährt Hans Reitinger einen Opel Mokka. An diesem Tag liegen zwischen seinem Alltagsauto und dem Doktorwagen mehr als 117 Jahre Automobilgeschichte.

September 2026

Fotos: Opel/ Andreas Liebschner