Die Reise beginnt kurz vor Mailand, am Autogrill Villoresi Ovest. Die kreisrunde Raststätte ragt seit den 1960er-Jahren wie ein UFO aus der Landschaft und ist für Italienurlauber eine Art Pflicht-Stop. Drinnen klappern Tassen, die Maschinen schnaufen, der nächste Gast wartet schon. Rund 120 Millionen Tassen Kaffee werden allein in den italienischen Autogrill-Filialen jedes Jahr ausgeschenkt. Espresso? Bestellt hier kaum jemand. Ein „Caffè“ – so heißt auf es Italienisch – genügt. Der Rest versteht sich von selbst.
Nächster Halt: Omegna am Lago d’Orta. Hier entwickelte Alfonso Bialetti 1933 die Moka Express. Die achteckige Aluminiumkanne wurde zum Symbol italienischer Kaffeekultur und weltweit millionenfach verkauft. Produziert wird sie längst anderswo, doch ein paar Kilometer weiter lebt die italienische Lust an gutem Design weiter – bei Alessi. Im Factory Outlet füllt sich der Kofferraum des Mokka erstaunlich schnell mit Espressotassen, Kannen und Dingen, von denen man bis eben nicht wusste, dass man sie dringend braucht.


Dann geht es Richtung Mailand. Wer wissen will, wie der Caffè ohne Herdkanne in die Tasse kommt, landet in Binasco. Dort erzählt das MUMAC, das Museum der Cimbali-Gruppe, mehr als hundert Jahre Espressomaschinengeschichte. Die frühen Exemplare wirken wie Lokomotiven: Kupferkessel, Hebel, Ventile. Später kommen Hydraulik, Elektronik und immer ausgefeiltere Pumpen hinzu. Der Star der Sammlung heißt Faema E61. Baujahr 1961, für Kaffeefans ungefähr das, was der GT für Opelfahrer ist. Ihre elektrische Pumpe und der konstante Brühdruck machten Espresso erstmals reproduzierbar. Technik ersetzte Muskelkraft.
Noch mehr ins Schwärmen gerät Museumsdirektorin Barbara Foglia allerdings bei einer anderen Maschine: der „La Cornuta“ von Gio Ponti aus dem Jahr 1948. Nur rund 900 Exemplare wurden gebaut. Heute ist die hornförmige Schönheit ein begehrtes Sammlerstück. „Die Mona Lisa unter den Espressomaschinen“, sagt Foglia. Doch selbst die schönste Maschine ist nur eine von vier Zutaten. Maschine, Mühle, Barista und Bohne müssen zusammenspielen. „Auch die beste Maschine macht aus schlechtem Kaffee keinen guten Espresso“, sagt Foglia – und schickt den Mokka weiter nach Turin.
„Auch die beste Maschine macht aus schlechtem Kaffee keinen guten Espresso.“
– Barbara Foglia, Direktorin des MUMAC –





Hier eröffnete Luigi Lavazza 1895 eine kleine Drogerie. Kaffee war zunächst nur eines von vielen Produkten. Lavazza begann jedoch, Bohnen unterschiedlicher Herkunft und Röstungen zu mischen – und erfand damit quasi nebenbei den Blend. Heute wird Lavazza in mehr als 140 Ländern getrunken. Im Lavazza-Hauptquartier riecht es nach Schokolade, Nüssen, Zitrusfrüchten und natürlich nach Kaffee. Museum, Ausbildungszentrum und Firmenzentrale erzählen die Geschichte einer Marke, die es sogar bis auf die ISS geschafft hat. Rund 35.000 Baristas besuchen jährlich die Trainingszentren des Unternehmens. Denn auch hier gilt: Ohne Könner an der Maschine wird aus guter Bohne kein guter Caffè.

Für Marco Amato, den Museumsleiter, ist Kaffee ohnehin mehr als ein Getränk. Er ist ein kurzer Halt im hektischen Alltag. Ein Moment, bevor es weitergeht. Vielleicht erklärt das auch, warum Italiener ihren Caffè selten im Pappbecher davonschlürfen. Sie bleiben kurz an der Bar, grüßen den Barista, trinken drei Schlucke – und gehen dann weiter.
Zum Abschied wartet ein Caffè, der eher nach Michelin-Stern als nach Autobahnraststätte schmeckt. Perfekte Bohne, perfektes Wasser, perfekte Maschine, perfekte Barista. Dazu gibt es Kaffee-Kaviar. Der Mokka könnte draußen eigentlich stehen bleiben.
„Caffè ist mehr als ein Getränk. Vielmehr ein kurzer Halt im hektischen Alltag.“
– Marco Amato, Lavazza-Museumsleiter –






Doch irgendwann ist auch der beste Caffè zu viel. Über den Gotthard geht es zurück Richtung Norden, mit einem letzten Stopp in Basel. Bei den „Kaffeemachern“ zeigt Felix Hohlmann, deutscher Barista-Meister und Kaffee-Botschafter, dass guter Espresso längst nicht mehr südlich der Alpen beginnt. Seine Kunden bringen sogar ihre eigenen Siebträgermaschinen zum Kurs mit.

Gute Kaffeekultur ist längst nördlich der Alpen angekommen.


Die deutsche Kaffeekultur verändert sich. Nach Filterkaffee, Vollautomaten und Starbucks interessieren sich immer mehr Menschen für Herkunft, Ernte, Fermentation und Röstung. Die vierte Kaffeewelle rollt. Und wer nach all den Stationen trotzdem noch Sehnsucht nach Italien hat, muss nur wieder ins Auto steigen. Rund 900 Kilometer sind es von Deutschlands Norden bis Fiorenzuola d’Arda. Dort läuft die Espressomaschine im Autogrill rund um die Uhr.
Einsteigen, bestellen, drei Schlucke. Und weiter.
September 2026