Morgens um sieben geht’s los. Von Niedermohr über Kusel und die B420 mitten durch die Pfalz: Wolfstein, Lauterecken, Alsenz, vorbei an Bad Kreuznach ins rheinhessische Wörrstadt. Die letzten Kilometer bis Rüsselsheim darf’s die Autobahn sein. Warum auch nicht? 36 Pferdestärken mögen für heutige Begriffe nicht viel sein, aber die für die Autobahn erforderliche Höchstgeschwindigkeit von mehr als 60 km/h erreicht die Zwei-Liter-Maschine spielend. Neunzig ist schließlich kein Alter. Nicht für einen Opel, der von Sascha Bauer gehegt und gepflegt wird.
Der Werkzeugmacher aus Kaiserslautern hat zum 90. Geburtstag seines Veteranen eine besondere Ausfahrt geplant: zurück an den Ort, an dem der Klassiker Anfang 1936 das Licht der Welt erblickte. Auf dem Beifahrersitz sitzt Vater Werner, ebenfalls Opelaner aus Kaiserslautern, mittlerweile im Ruhestand. Sorgen, dass ihrem Oldtimer auf der Fahrt die Puste ausgeht, machen sich beide nicht.
280 Kilometer hin und zurück. Für diesen 90 Jahre alten Opel 6 Cabrio kein Problem.



Opel 6 im Überblick
- Bauzeit: 1934–1937
- Produktionsort: Rüsselsheim
- Motor: Sechszylinder-Reihenmotor, 1.932 cm³
- Leistung: 36 PS (26,5 kW)
- Getriebe: Viergang-Schaltgetriebe
- Antrieb: Hinterradantrieb
- Höchstgeschwindigkeit: 100 km/h
- Verbrauch: rund 12 Liter auf 100 Kilometer
- Produktion: 52.594 Fahrzeuge aller Karosserievarianten
Wie vor jeder Ausfahrt hat Sascha Bauer den Wagen gründlich durchgecheckt. Außerdem hält er ihn regelmäßig in Bewegung. „Vor zwei Wochen erst habe ich ihn bei der Hochzeit eines Arbeitskollegen gefahren“, erzählt der 55-Jährige. „Über den Tag waren wir rund 100 Kilometer unterwegs. Da schafft er jetzt auch die 280 Kilometer hin und zurück.“
Die Fahrt durch die morgendliche Pfalz verläuft entspannt. Kaum Verkehr, wenig Aufsehen in den Ortschaften. Nur kühl ist es geworden. Eine Heizung hat der Opel 6 nicht. Bei seiner Auslieferung 1936 müsste zwar eine eingebaut gewesen sein, vermutet Sascha Bauer, „aber irgendwann ist die wohl ausgebaut worden“.
Von Bornholm bis in die Pfalz
In der Werkstatt der Classic-Sammlung tauchen sie in die Geschichte des Cabrios ein. Sein erster Besitzer war Erik Holm, ein Däne von der Insel Bornholm. Das belegen Zollpapiere aus dem Jahr 1936. Möglicherweise rettete die Insellage den Wagen durch den Zweiten Weltkrieg: Viele Fahrzeuge dieser Art wurden damals vom Militär beschlagnahmt. Bauers Opel 6 ist heute eine besondere Rarität: ein sogenanntes Zweifenster-Cabriolet mit jeweils einem Seitenfenster links und rechts. Nach Schätzungen aus der Alt-Opel-IG könnten nur noch zwei oder drei Exemplare dieser Ausführung erhalten sein.
Über die nächsten Jahrzehnte ist wenig überliefert. In den 1990er-Jahren wurde das Cabrio aufwendig restauriert. Ein späterer Besitzer fuhr damit sogar über die Alpen – bis der Motor den Dienst quittierte. Ersatz fand sich auf ungewöhnliche Weise: ein originaler Motor, den der polnische Kampfmittelräumdienst im Oderbruch ausgegraben haben soll.
Sechs Zylinder, moderne Federung, hydraulische Bremsen: Der Opel 6 war seiner Zeit voraus.


Schließlich wurde das Cabrio erneut zum Verkauf angeboten. Rainer Wieler, Typreferent der Alt-Opel-Interessengemeinschaft, machte Sascha Bauer darauf aufmerksam. Der Pfälzer hatte zuvor einen Opel P4 besessen, suchte nun aber ein Cabrio aus derselben Ära – für sommerliche Familienausfahrten mit offenem Verdeck. Er schlug zu.
Seither hält der Opelaner das rollende Stück Automobilgeschichte in Schuss. Dabei helfen ihm seine Fähigkeiten als Werkzeugmacher ebenso wie ein Netzwerk von Oldtimer-Spezialisten. Über Rainer Wieler erhält er beispielsweise Baupläne für knifflige Reparaturen, etwa an der Wasserpumpe. Zuletzt musste das Lenkrad restauriert werden. Dafür wandte sich Bauer an den Kölner Spezialisten Claudio Tescari. Der zerlegte das Lenkrad, fertigte neue Speichen an und goss einen neuen Bakelitkranz. So viel Handarbeit hat ihren Preis: „Da geht schon mal ein Monatsgehalt drauf.“
„Das Lenkrad restaurieren zu lassen? Da geht schon mal ein Monatsgehalt drauf.“
– Sascha Bauer –
Nach der Fachsimpelei geht’s zum alten Hauptportal. Fotoshooting am Adam-Opel-Denkmal – wo sonst? Inzwischen hat sich die Sonne hervorgewagt und taucht den Jubilar ins beste Licht. Endlich können die Bauers auch das Verdeck öffnen. Auf dem belebten Platz zwischen Hauptportal und Bahnhof zieht der Oldtimer die Blicke auf sich. Passanten zücken ihre Handys, während Jens Cooper den Wagen in Ruhe betrachtet – und ins Schwärmen gerät: „Der war Oberklasse zu seiner Zeit. Zweitürige Cabrios waren da noch total selten. Zuverlässig, technisch robust, aber auch stylisch.“
Das Design trägt bereits die Handschrift des GM-Konzerns, zu dem Opel seit 1929 gehörte. Als der Opel 6 im Jahr 1934 auf den Markt kam, waren sein wassergekühlter Sechszylinder mit knapp zwei Litern Hubraum, hydraulische Vierradbremsen und die Opel-Synchronfederung an der Vorderachse moderne Technik. Ungewöhnlich war auch der von außen zugängliche Kofferraum. Bis 1937 entstanden 52.594 Fahrzeuge in verschiedenen Karosserievarianten. Dann übernahm der Opel Super 6.
Zum Abschluss fahren Sascha und Werner Bauer für weitere Erinnerungsfotos vor der alten Werkshalle neben dem Opel-Turm vor. Genau hier wurde ihr Cabrio Anfang 1936 zusammengebaut. Neunzig Jahre später steht es wieder vor denselben Mauern. Dann geht’s zurück in die Pfalz. Diesmal mit offenem Verdeck. Mehr Cabrio-Feeling geht nicht.


Oktober 2026