Wenn das eigene Auto vom Band läuft

Wenn eine neue Werksleiterin ihr erstes Fahrzeug aus der eigenen Produktion übernimmt, ist das mehr als ein symbolischer Moment. Für Maike Seeber, seit September Werksleiterin am Stammsitz in Rüsselsheim, steht er für das, was sie an der Automobilindustrie fasziniert: das Zusammenspiel von Menschen, Prozessen und Technik – und ein Fahrzeug, das am Ende vom Band rollt. Als ihr neuer Dienstwagen, ein batterieelektrischer Astra Sports Tourer in Klover Green mit schwarzem Dach, die Stationen der Fertig- und Endmontage durchläuft, ist die 42-Jährige so oft wie möglich an der Linie präsent.

„Hautnah zu erleben, wie Design, technologische Innovationen, industrielle Umsetzbarkeit und der Teamgeist der Rüsselsheimer Mannschaft zusammenwirken – das ist etwas ganz Besonderes“, sagt Seeber. Sie ist vor Ort, als die neue Vizor-Front mit beleuchtetem Blitz montiert wird, als die weiterentwickelten Intelli-Sitze eingebaut werden. Die Bauteile treffen Just-in-Sequenz an der Linie ein – exakt im richtigen Moment und in der richtigen Reihenfolge. „Das ist Präzisionsarbeit auf den Punkt“, betont sie.

– Maike Seeber, Werksleiterin Rüsselsheim –

„Made in Germany“: Der neue Astra entsteht am Stammsitz in Rüsselsheim.
Präzision im Detail: Die neue Werksleiterin beobachtet die Montageprozesse des neuen Astra in Rüsselsheim.
Neues Design: Die neue Frontansicht ist inspiriert von der jüngsten Hochleistungsstudie Opel Corsa GSE Vision Gran Turismo. 
Neuer Look, bewährte Präzision: Jeder Montagehandgriff sitzt.
Das neue Felgendesign unterstreicht den präzisen Auftritt.

Was an der Linie sichtbar wird, prägt auch den Arbeitsalltag der Werksleiterin. Der Kalender ist eng getaktet, die Themen vielfältig. Im Fokus steht der Hochlauf des neuen Astra, klassische Produktionsthemen bestimmen den Alltag – Anforderungen an die Lieferkette, Materialverfügbarkeit und Variantenvielfalt. Besonders anspruchsvoll: die Logistik. „Logistik war früher deutlich stabiler“, sagt Seeber. „Heute ist sie einer der volatilsten Bereiche überhaupt.“ Globale Lieferketten, geopolitische Risiken, lange Transportwege und unvorhersehbare Ereignisse haben die Anforderungen grundlegend verändert. Logistik ist damit längst kein reines Planungsthema mehr, sondern eine kontinuierliche Koordinationsaufgabe – mit hoher Verantwortung für alle Beteiligten.

Flexible Fertigung und neue Kompetenzen

Das Werk Rüsselsheim ist flexibel aufgestellt: Hier entstehen Fahrzeuge mit vollelektrischem Antrieb ebenso wie Hybrid- und Verbrennermodelle. Gleichzeitig setze Opel verstärkt auf vertikale Integration, erklärt Seeber. Arbeiten, die früher externe Dienstleister übernommen hätten, finden nun direkt im Werk statt. Ein Beispiel dafür ist der Battery Shop, in dem die finale Montage der Hochvoltbatterien für vollelektrische Fahrzeuge erfolgt. Von hier wird auch das Stellantis-Werk in Mulhouse beliefert, in dem Fahrzeuge der Marke Peugeot gefertigt werden.

– Maike Seeber –

Maike Seebers Werdegang ist geprägt von Führung in industriellen Strukturen vorwiegend in der Automobilbranche – national wie international.
Seit September leitet die 42-Jährige das Stellantis-Werk in Rüsselsheim, in dem der Opel Astra und der DS 4 produziert werden.
Rüsselsheim ist nicht nur die traditionelle Heimat der Marke Opel, sondern seit 2023 auch Sitz der Deutschland-Zentrale von Stellantis. 
Maike Seeber folgte auf Pieter Ruts, der eine neue Aufgabe im Bereich Supply Planning innerhalb des Konzerns übernommen hat.
Der neue Opel Astra und der Astra Sports Tourer feierten bei der Brüssel Motor Show Anfang Januar  Weltpremiere.

Für Maike Seeber ist klar: Industrielle Wertschöpfung entsteht dort, wo produziert wird. Mobile Work ist im Werk die Ausnahme – entscheidend ist die Präsenz vor Ort. „Man muss nah am Geschehen sein“, betont sie. „Wenn das Band steht oder ein Teil fehlt, dann sind geplante Meetings zweitrangig. Dann zählt nur, das Problem zu lösen.“ Dass sie diese Haltung konsequent lebt, ist kein Zufall. „Ich bin nach Rüsselsheim gekommen, um die Chance zu nutzen, die Zukunft der Produktion aktiv zu gestalten“, sagt Seeber. Für sie steht der Standort exemplarisch für das, wofür „Made in Germany“ heute stehen muss: wettbewerbsfähige, effiziente und technologisch führende Fertigung unter anspruchsvollen Rahmenbedingungen. „Gerade weil die Voraussetzungen herausfordernd sind, müssen wir zeigen, was hier möglich ist“, sagt sie.

Wurzeln in der Pfalz, Erfahrung weltweit

Maike Seeber hat den Großteil ihrer beruflichen Laufbahn auf der Zuliefererseite in der Automobilindustrie verbracht. Erste Einblicke gewann sie direkt nach dem Abitur bei einem Praktikum beim US-Zulieferer Tenneco im rheinland-pfälzischen Edenkoben – nur wenige Kilometer von ihrem Heimatort St. Martin in der Pfalz entfernt. Im Anschluss absolvierte sie dort den praktischen Teil eines dualen betriebswirtschaftlichen Studiums mit Schwerpunkt Logistik und Materialwirtschaft; die Theorie studierte sie an der Universität Mannheim.

Nach dem Studium übernahm Seeber früh Verantwortung in der Fertigung – auch international. Stationen führten sie unter anderem nach Südafrika, in die USA und nach Italien, stets nah an der Produktion und mit Fokus auf Prozesse, Effizienz und operative Umsetzung. Es folgten weitere Aufgaben bei Tenneco, ein kurzer Wechsel in die Medizintechnik sowie die Rückkehr in die Automobilbranche. In Sindelfingen leitete sie ein Tenneco-Werk und verantwortete als Projektleiterin Programme für leichte Nutzfahrzeuge.

Über mehr als zwei Jahrzehnte sammelte Seeber so umfassende Führungs- und Industrieerfahrung – überwiegend auf Lieferantenseite. „Ich kenne die andere Seite – die des Lieferanten – und weiß, was möglich ist und was nicht“, sagt sie. „Das hilft mir heute, auch unter anspruchsvollen Bedingungen klare Entscheidungen zu treffen.“

– Maike Seeber –

„Mit Engagement und Herzblut“: Maike Seeber ist stolz auf das Rüsselsheimer Team.  

stand eine Taktumstellung an. Eine Anpassung der Taktung bedeutet zum Beispiel, Arbeitsinhalte neu zu verteilen und Teams neu zu organisieren – immer mit Blick auf Qualität, Kosten und Effizienz. „Das sind Prozesse, über die man von außen kaum nachdenkt“, sagt Seeber. „Aber genau sie entscheiden darüber, wie stabil ein Werk läuft.“ Ihren Führungsstil beschreibt Maike Seeber als kooperativ. Sie setzt auf Empowerment statt Mikromanagement. „Ich möchte, dass die Teams selbst Lösungen entwickeln. Meine Aufgabe ist es, den Rahmen zu setzen – nicht, jede Entscheidung selbst zu treffen.“ Gerade in einem komplexen Umfeld sei es entscheidend, Verantwortung zu übertragen und Lernräume zu schaffen.

Junge Talente im Fokus

„Das Rüsselsheimer Team ist mit viel Engagement und Herzblut dabei – es lebt den Wandel“, sagt Seeber. Mit Blick auf die Zukunft betont die Werksleiterin die Bedeutung des Nachwuchses. Junge Mitarbeitende bringen neue Kompetenzen ein – etwa in den Bereichen Künstliche Intelligenz, 3D-Druck oder Prozessautomatisierung. Aus dem 3D-Drucker entstehen heute im Werk beispielsweise Arbeitshilfen, die früher extern vergeben worden wären. „Umso wichtiger ist es, jungen Menschen früh Vertrauen zu schenken und ihnen Gestaltungsspielräume zu geben“, sagt Seeber.

Kurzfristig liegt der Fokus klar auf dem erfolgreichen Hochlauf des neuen Astra. Auch optisch zeigt sich der Neuzugang – durch die neue Astra-Farben Klover-Grün oder Kontur-Weiß, die jetzt immer häufiger in den Hallen zu sehen sind. „Die Herausforderungen sind vielfältig“, fasst Maike Seeber zusammen, „aber genau das macht diese Aufgabe so spannend.“


Januar 2026

Text: Tina Henze, Fotos: Andreas Liebschner