Anstoß für mehr Chancen

Wenn er Jungen coacht, hat er gelegentlich den Eindruck, sie dächten: Warum erzählt er mir das – das weiß ich doch schon. „Mädchen hören oft genauer zu“, hat Simon Woll festgestellt. „Wie im richtigen Leben“, kommentiert Bilyana Stern und erntet damit viele zustimmende Schmunzler im Versammlungsraum der Lehrwerkstatt.

Simon Woll ist Trainer der Frauenmannschaft des 1. FC Kaiserslautern, Bilyana Stern führt in der Pfalz das noch immer männlich dominierte Team als Werksleiterin. Beide haben in ihren Jobs zahlreiche vergleichbare Erfahrungen gesammelt – wie sich bei der Eröffnungsveranstaltung des Girl’s Day am Opel-Standort Kaiserslautern schnell zeigt. Die Talkrunde mit der Spielerin und dem Trainer des FCK wurde dabei vom kaufmännischen Opel-Auszubildenden Justus Gründemann moderiert.

„Führung bedeutet, andere wachsen zu lassen, sie zu inspirieren und mit auf die Reise zu nehmen.“

– Werksleiterin Bilyana Stern –

Im Gespräch: Simon Woll, Lucia Ruiz Rojas und Bilyana Stern (rechts) tauschen Erfahrungen aus Sport und Industrie aus.
Talkrunde: Spielerin und Trainer des FCK im Austausch mit den Teilnehmerinnen des Girls‘ Day.

Frauen im Fußball und in sogenannten MINT-Berufen haben in den vergangenen Jahren sichtbare Fortschritte gemacht – und sind dennoch weiterhin unterrepräsentiert. Genau hier setzt der Girls‘ Day an, bei dem Opel jungen Frauen Einblicke in technische Berufsfelder ermöglicht. An den Standorten Rüsselsheim, Kaiserslautern und Bochum bot das Unternehmen insgesamt 230 Interessierten die Gelegenheit, in eine Vielzahl von Berufen hineinzuschnuppern. Auch der 1. FC Kaiserslautern hat 2024 nach über 40 Jahren wieder ein Frauenteam gegründet.

Und das sorgt aktuell für Furore: In ihrem ersten Jahr nach der Neugründung sicherten sich die Spielerinnen direkt den Meistertitel in der Bezirksliga. Nun stehen sie vor dem Durchmarsch in die Verbandsliga – der Titel in der Landesliga ist ihnen kaum noch zu nehmen. Zudem haben sie sich für die Endspiele um den Kreis- und den Verbandspokal qualifiziert. Und da Opel „Herz der Pfalz“-Partner des FCK ist, schauen zwei, die an dieser Erfolgsgeschichte mitschreiben, zum Girls’ Day in der Lautrer Lehrwerkstatt vorbei.

„Wichtig ist, dass ihr Vorbilder habt.“

– Lucia Ruiz Rojas, Mittelfeldspielerin beim 1. FCK –

Handwerk hautnah: Mit Konzentration und Geschick entsteht das erste Werkstück.
Einblicke gewinnen: Technik zum Anfassen – erste Erfahrungen im Elektronikbereich.
Praxis erleben: Sie sammeln erste Erfahrungen für ihren möglichen Berufsweg.

Trainer Simon Woll wird von seiner Mittelfeldspielerin Lucia Ruiz Rojas begleitet. Die 22-Jährige ist peruanischer Abstammung, in Luxemburg geboren und stand schon kurz nach ihren ersten Schritten mit dem Ball auf dem Platz. Ab dem fünften Lebensjahr spielte sie in Jungenmannschaften, bevor sie mit sechzehn in ein Frauenteam wechselte. Dabei hat sie festgestellt: „Als Frau ist es oft herausfordernder, sich durchzusetzen. Aber wenn du mit Freude dabei bist, kannst du es schaffen – du musst nur dranbleiben.“

Parallelen zur Industrie liegen nahe. „Wichtig ist, dass ihr Vorbilder habt“, betont Lucia Ruiz Rojas. Mit Bilyana Stern steht eine von ihnen an der Spitze des Werks. Stern fungiert dabei in einer Doppelrolle: Sie leitet das Presswerk in Rüsselsheim und führt seit einem Jahr zusätzlich den Standort Kaiserslautern – das größte Komponentenwerk für zahlreiche Stellantis-Marken und -Werke in Europa. „Führung bedeutet für mich, andere wachsen zu lassen, sie zu inspirieren und mit auf die Reise zu nehmen“, beschreibt sie ihr Verständnis von Leadership.

Zukunft gestalten: Gruppenfoto mit Teilnehmerinnen, Gästen, Ausbildungsleitung, Werksleitung und Betriebsrat.

Gleichzeitig sollte das Thema Geschlecht nicht überbetont werden, findet Simon Woll: „Ich unterscheide in meiner Arbeit nicht stark zwischen Männern und Frauen – der Sport ist schließlich derselbe.“ Axel Mohrhardt, Leiter der Berufsausbildung bei Opel in Kaiserslautern, sieht das ähnlich: „Bei uns zählt in erster Linie die Qualifikation.“ Aktuell sind neun der 88 Auszubildenden in technischen Berufen weiblich. „Das könnten gerne mehr sein – wenn wir entsprechend mehr Bewerbungen hätten.“ Auch Betriebsratsvorsitzender Patrick Rübel unterstreicht: „Wer die Besten will, kann auf Frauen nicht verzichten.“

Umso wichtiger ist der „Girls‘ Day“. In diesem Jahr haben sich sechs junge Frauen zum Schnuppertag in der Opel-Pfalz angemeldet. Und selbst in dieser kleinen Gruppe steckt großes Potenzial. „Eine Teilnehmerin kommt aus Hofheim“, erzählt Mohrhardt. „Für sie wäre Rüsselsheim näher gewesen – aber sie wollte unbedingt Kaiserslautern kennenlernen.“ Wer weiß, was daraus entsteht: Im neuen Ausbildungsjahr wird eine junge Frau ihre Ausbildung beginnen, die ein Jahr zuvor den Zukunftstag besucht hatte.

„Wer die Besten will, kann auf Frauen nicht verzichten.“

– Betriebsratsvorsitzender Patrick Rübel –

Auch Tiara Hollstein kann sich gut vorstellen, einen technischen Beruf zu erlernen. Die 15-Jährige wird von der angehenden Werkzeugmechanikerin Larissa Hettrich in die Kunst des Umformens eingeführt – und formt mit viel Geschick ein kleines Blechmännchen. Oder besser: ein Blechfigürchen. Denn letztlich kommt es nicht auf das Geschlecht an.


April 2026

Text: Eric Scherer; Fotos: Michael Schmitt/MS-Sportfoto, Opel