Die Schmiede lebt

Es ist wieder Betrieb in der Schmiede. Anders als früher. Wo jahrzehntelang Kurbelwellen, Zahnräder und andere Fahrzeugteile entstanden, stehen an diesem Sonntag Old- und Youngtimer. Menschen betrachten alte Fotos, ehemalige Beschäftigte suchen nach vertrauten Spuren. Auch rund um das Industriedenkmal reiht sich ein Klassiker an den nächsten. Tausende Besucher sind gekommen, um diese Premiere zu erleben. Und die Schmiede braucht wenig Inszenierung. 1936/37 errichtet, prägen mächtige Stützen, klare Raster, Oberlichter und Fensterfronten die 260 Meter lange Halle. Sie trägt ihre Vergangenheit sichtbar in sich. Gebrauchsspuren inklusive. Ein bisschen Industriedenkmal, ein bisschen Lost Place – und an diesem Tag wieder voller Leben.

Einer, der tief in die Geschichte des Ortes eingetaucht ist, ist Sam Khayari. Der Rüsselsheimer Künstler hat die Ausstellung „M1/WERKSPUREN“ konzipiert. Dafür durchforstete er Archive und historische Opel-Publikationen, sichtete Fotos und sprach mit ehemaligen Beschäftigten. Neben historischen Aufnahmen, Film und Exponaten finden sich auch die kleinen Geschichten. Etwa die von Schmiederesten, die Opelaner zusammenschweißten und zu Pflanzenständern für den heimischen Garten machten.

Über 80 Jahre Schmiede – erzählt in Bildern, Fundstücken und Erinnerungen.

Für „Schichtwechsel/M1 WERKSPUREN“ recherchierte Khayari in Archiven, historischen Werksmedien und bei Opel Classic.
Zeitzeugnis aus dem Archiv: Auch die erste Ausgabe der Opel Post vom Juli 1949 ist Teil der Ausstellung.
Künstler und Autor Sam Khayari ist Initiator der Artmap Rüsselsheim. Dabei sucht er nach den Geschichten und Spuren vertrauter Orte.
Fotos, Filme, Dokumente und Exponate erzählen dort, wo einst produziert wurde, von der Geschichte der Produktionsstätte.
Peter Wotzka arbeitete 35 Jahre hier. Beim Klassikertreffen kehrt er an seinen alten Arbeitsplatz zurück.
Premiere mit großem Andrang: Erstmals öffnet die Opel Schmiede fürs Klassikertreffen ihre Tore. Mit dabei: der Rocks e-XTREME.

Wie schwer die Arbeit hier war, zeigt Peter Wotzka mit einer Bewegung. Er greift mit beiden Händen nach einer ausgestellten Kurbelwelle. Anpacken. Anheben. „Noch so schwer wie damals“, sagt er. Wotzka kam 1984 in die Schmiede und arbeitete hier bis 2019. Zwei Jahre später, 2021, endete die Produktion in der Halle. Heute ist er zurück an seinem alten Arbeitsplatz. Er zeigt auf Säulen, sucht die Standorte der Maschinen – und erzählt, wie körperlich die Arbeit trotz zunehmender Automatisierung blieb. Die Maschinen sind weg. Die Handgriffe sitzen noch.

Ein Auto fürs Leben

43 Jahre mit demselben Auto – da kommt einiges zusammen. Achim Gerstenberger kaufte seinen Kadett D GTE neu, mehr als ein Jahrzehnt fuhr er ihn täglich. Heute ist das einstige sportliche Spitzenmodell selten, sein Exemplar noch immer unrestauriert und in Erstbesitz. Verkaufen? Kam nie infrage. „Da hängen viele, viele Jugenderinnerungen dran.“ Und nicht nur seine: Als Gerstenberger seine heutige Frau kennenlernte, war der Kadett längst da. Heute gehört er zu ihrer gemeinsamen Geschichte – und die Begeisterung für ihn teilen beide. Passend dazu warb Opel damals für den GTE mit dem Spruch: „Heiraten kann man ja noch später.“ Bei Gerstenberger hat offenbar beides funktioniert.

Faszinierende Klassiker, einstige Arbeitsplätze – und Erinnerungen, die geblieben sind.

450 Stellplätze für historische Fahrzeuge gibt es in und rund um die Schmiede. Schon wenige Tage nach Anmeldestart waren alle vergeben.
Jens Cooper von Opel Classic am Steuer der Blitz-Drehleiter DL 18 der Freiwilligen Feuerwehr Raunheim.
Mit dem RAK 2 erinnert Opel Classic an Fritz von Opels spektakuläre Rekordfahrt auf der Berliner AVUS im Jahr 1928.
Jürgen Menger vom Radfahr-Verein Opel 1888 Rüsselsheim repräsentiert den traditionsreichen Verein.
Hinter dem Treffen steht ein großes Team, vor allem der Stadt – unterstützt von 60 ehrenamtlichen Helfern und Helferinnen.
Der Rocks e-XTREME bringt eine jüngere, experimentelle Seite der Marke in die historische Schmiede.
Gemeinsam mit einem Rekord Caravan als Kommandowagen wird Einsatzgeschichte aus der Region lebendig.
Nicht nur Autos erzählen Opel-Historie: Rennräder aus der Classic-Sammlung gehören ebenfalls zum Klassikertreffen.
RAK 2 und Reiterdenkmal auf dem Overall der Freiwilligen: Opel-Geschichte trifft auf Heimatstadt.

In Schale geworfen

„Einmal Opelaner, immer Opelaner“, sagt Gerd Wohlfart. Und bei ihm stimmt das gleich doppelt: Der ehemalige Kollege sammelt gemeinsam mit seiner Frau Renate klassische Modelle – natürlich mit Blitz. Beim Rüsselsheimer Klassikertreffen sind die beiden seit der Premiere 2001 fast immer dabei. Diesmal haben sie ein besonderes Schmuckstück mitgebracht: ihr Opel Admiral Cabriolet von 1938.

Seit 25 Jahren gehört das Vorkriegs-Cabrio den Wohlfarts. Als der Rüsselsheimer es entdeckte, war von der heutigen Eleganz wenig zu sehen. Viele Stunden Restaurierungsarbeit folgten, die Suche nach passenden Ersatzteilen führte ihn sogar bis nach Schweden. Heute glänzt der Admiral wieder in Bordeauxrot – und seine Besitzer stehen ihm in nichts nach: Renate trägt langes Kleid und Hut, ihr Gatte Knickerbocker, Fliege und Schiebermütze. Zum Klassikertreffen gehört für die beiden eben nicht nur das passende Auto.

Für einen Tag wird aus dem Industriedenkmal
ein Ort voller Leben.

Der Opel GT gehört zu den Klassikern, die in der historischen Schmiede besonders viele Blicke auf sich ziehen.
Moderator Bernd Schultz führt durch die Halle, stellt ausgewählte Fahrzeuge vor – und erzählt die Geschichten hinter den Klassikern.
Achim Gerstenberger mit seinem Kadett D GTE: neu gekauft, im Alltag gefahren und bis heute unrestauriert in Erstbesitz.
Lederhandschuhe am Lenkrad, karamellfarbene Sitze: Beim Admiral Cabriolet stimmt bei den Wohlfarts nicht nur außen der Auftritt.
Gerd und Renate Wohlfart im Admiral Cabriolet von 1938. Seit 25 Jahren gehört der seltene Vorkriegs-Opel zu ihrer Sammlung.
Old- und Youngtimer und jede Menge Geschichten: Hunderte historische Fahrzeuge locken Besucher in die alte Schmiede.
Draußen trifft die Historie auf die Opel-Gegenwart: Zu den aktuellen Modellen vor Ort gehört der neue Mokka GSE.
Zwei, die’s möglich machten: Oberbürgermeister Patrick Burghardt (links) und Ralf Seibert vom Opel „grEEn campus“-Team freuen sich über eine gelungene Veranstaltung.

Menschen, historische Fahrzeuge, Erinnerungen – für Patrick Burghardt macht genau diese Mischung die besondere Qualität des neuen Veranstaltungsortes aus. „Dass hier heute Menschen mit ihren historischen Fahrzeugen zusammenkommen, zeigt eindrucksvoll, wie sich ein Ort mit Geschichte neu mit Leben füllen lässt“, sagt Rüsselsheims Oberbürgermeister.

Drinnen Historie, draußen Gegenwart

Auch vor der Schmiede geht das Klassikertreffen weiter. Moderator Bernd Schultz holt 33 ausgewählte Klassiker zur Präsentation vor das Publikum, während wenige Meter weiter aktuelle Opel-Modelle zeigen, wie die Geschichte weitergeht. Dazwischen wird geschaut, gefachsimpelt, gegessen und getrunken. Für ein paar Stunden ist die alte Schmiede wieder das, was sie über Jahrzehnte war: ein ziemlich lebendiger Teil von Rüsselsheim.


September 2026

Text: Tina Henze, Fotos: Holger Menzel