Ein kühler Morgen liegt über den Hügeln bei Heidelberg. Die Luft ist klar, der Blick reicht weit hinunter in die Rheinebene. Ein für die Zeit ungewohntes Geräusch hallt über die Landschaft – metallisch und roh. Am Start stehen 17 Fahrzeuge, darunter ein Motorwagen aus Rüsselsheim: leicht gemacht, entkernt, reduziert auf das Nötigste. Am Steuer sitzt Heinrich Opel. Es ist der 31. März 1901. Ein Datum, das Geschichte schreiben wird.
Das vom Rheinischen Automobilclub veranstaltete Automobilrennen bei Heidelberg dürfte das erste in der Metropolregion Rhein-Neckar sowie eines der ersten deutschen Bergrennen überhaupt gewesen sein. Die Strecke hinauf zum Königstuhl ist kein Ort für Komfort. 4,5 Kilometer, 450 Höhenmeter, Steigungen bis zu 16 Prozent. Wer hier bestehen will, braucht Mut – und Technik, die durchhält. Genau daran hatten die Opel-Brüder in den Jahren zuvor gearbeitet. Aus ersten Rückschlägen gelernt, aus Defekten Erkenntnisse gezogen, ihre Motorwagen immer weiter verbessert. Vor allem eines zählt: Zuverlässigkeit.



Bereits 1899 tritt Heinrich Opel bei der Fernfahrt „Aachen – Coblenz“ an – dem ersten internationalen Automobilrennen Deutschlands. Ein Defekt verhindert das Ziel. Doch Aufgeben ist keine Option. Im Gegenteil: Die Erfahrungen werden zur Grundlage für Fortschritt. Am Königstuhl zahlt sich diese Hartnäckigkeit aus. Der eingesetzte Motorwagen bringt es auf fünf PS – sein geringes Gewicht wird zum entscheidenden Vorteil. Kotflügel, Trittbretter, Lampen: alles entfernt. Dazu improvisierte aerodynamische Lösungen wie Lederschürzen und eine gespannte Kniedecke, die den Fahrtwind lenkt. Was heute nach Ingenieurskunst klingt, entsteht damals aus Intuition und Pragmatismus.
Dann fällt das Startsignal. Heinrich Opel fährt konzentriert, kontrolliert, entschlossen. Kurve um Kurve arbeitet er sich den Berg hinauf. Der Motor hält. Das Fahrzeug hält. Und nach 23 Minuten ist klar: Opel gewinnt. Mit deutlichem Vorsprung. Der erste offizielle Motorsportsieg der Marke ist perfekt. Bemerkenswert ist nicht nur der Sieg selbst – sondern auch der Weg dorthin. Denn Heinrich Opel fährt die rund 180 Kilometer zum Rennen kurzerhand selbst. Vier Stunden ist er unterwegs, mit einem Durchschnitt von 45 km/h. Für die Zeit eine kleine Sensation.
Meilensteine des Opel-Motorsports
Die „Gründerjahre“ des Motorsports bei Opel legen das Fundament für eine Erfolgsgeschichte. Im Rallyesport prägt der Name Walter Röhrl eine Ära. 1974 gewinnt er gemeinsam mit Jochen Berger im Opel Ascona souverän die Rallye-Europameisterschaft. Acht Jahre später folgt der nächste Meilenstein: 1982 wird Röhrl zusammen mit Christian Geistdörfer im Opel Ascona 400 Rallye-Weltmeister. Auch auf der Rundstrecke schreibt Opel Geschichte: 1996 sichert sich Manuel Reuter im legendären „Cliff“-Calibra den Titel in der Internationalen Tourenwagen-Meisterschaft (ITC). 2003 triumphiert Opel beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring mit dem Astra V8 Coupé. Heute führt Opel diese Tradition konsequent weiter – mit elektrifiziertem Motorsport im Rallye-Markenpokal und dem Einstieg in die Formel E.






Der Erfolg am Königstuhl ist kein Zufallstreffer. Schon ein Jahr später folgt die Bestätigung: Mit Unterstützung des französischen Herstellers Alexandre Darracq entsteht ein deutlich leistungsstärkerer Wagen. Beim nächsten Bergrennen am selben Ort 1902 pulverisiert Heinrich Opel die Bestzeit – mehr als vier Minuten Vorsprung auf die Konkurrenz. Und Opel bleibt auf Kurs. Die Marke erkennt früh, dass Motorsport mehr ist als Wettbewerb. Er ist Bühne, Prüfstand und Beschleuniger zugleich. Was hier funktioniert, verbessert die Serienfahrzeuge. Was hier gewinnt, stärkt das Image.
1921 dann ein weiterer Meilenstein: Auf der neu eröffneten AVUS in Berlin jubeln über 200.000 Zuschauer, als Fritz von Opel im feuerroten Rennwagen zum Sieg fährt. Durchschnittsgeschwindigkeit: 128,84 km/h – eine neue Dimension. Die „Gründerjahre“ des Motorsports bei Opel sind geprägt von Pioniergeist, Mut und technischem Ehrgeiz. Was am Königstuhl beginnt, entwickelt sich über Jahrzehnte zu einer Erfolgsgeschichte. Heute schlägt Opel mit dem Werkseinsatz in der Formel E ein neues Kapitel auf – und überträgt seine Motorsport-DNA konsequent in das elektrische Zeitalter. 125 Jahre nach dem ersten Sieg.
April 2026