Bitter Sweet Victory

Wenn man an den Nürburgring – oder die „Grüne Hölle“, wie sie oft genannt wird – denkt, entstehen vor dem inneren Auge Bilder von PS-starken Supersportlern. Kaum jemand würde hier einen seriennahen Kleinwagen mit drei Zylindern erwarten. Und dann kam Markus Bitter. Mit einem umgebauten Opel Corsa GS Line 130 und seinem kleinen Team machte er sich auf, den Ring zu bezwingen.

Der Name Bitter ist mit Opel und dem deutschen Motorsport eng verbunden. Der legendäre Rennfahrer und Automobildesigner Erich Bitter entwickelte bereits Ende der 1960er Jahre den Bitter CD auf Basis des Opel Diplomat. Bis heute gilt das Fahrzeug unter Automobilnostalgikern als eines der schönsten deutschen Coupés überhaupt. Sein Neffe Markus Bitter stieg 2017 ins Familienunternehmen ein und richtete die Marke auf moderne Opel-Modelle aus. Heute verwandelt das Unternehmen mit Sitz in Aichwald bei Stuttgart Serienfahrzeuge wie Mokka, Astra und Corsa in sportlich-dynamische Eyecatcher mit individuellem Charakter.

Warum nicht mit dem kleinsten
Opel-Modell auf die schwierigste Rennstrecke der Welt gehen?

Die Fahrer Jan Soumagne, Christian Schäffer, Björn Morhin und Volker Strycek sowie Inhaber Markus Bitter (von links).
Volker Strycek feiert am Ende des Tages seinen inzwischen 16. Klassensieg beim 24-Stunden-Rennen.
Bevor die Motoren starten: Das Fahrerbriefing vor dem 24-Stunden-Rennen auf der Nordschleife.
Auf der Rundstrecke gegen deutlich stärkere Konkurrenz – das machte den Corsa zum Publikumsliebling.
Auch abseits der Strecke zählt jedes Detail: Ein Pit-Marshal dokumentiert den Tankstopp, die Reglements sind gnadenlos.
Regen, Kälte und schwierige Bedingungen machten das diesjährige Langstreckenrennen besonders anspruchsvoll.

Gerade dieser Fokus auf kompakte, emotionale Fahrzeuge brachte Markus Bitter auf eine ungewöhnliche Idee: Warum nicht mit dem kleinsten Modell der Palette auf die schwierigste Rennstrecke der Welt gehen? 2023 gründete er deshalb das Projekt „Road to 24h Nürburgring“. Gemeinsam mit einem Team aus Gleichgesinnten entstand auf Basis des Opel Corsa Rally4 Schritt für Schritt ein eigener Rennwagen – der Bitter Racer 2, kurz BR2.

Zunächst startete das Team bei kleineren Motorsportveranstaltungen am Nürburgring, später in der Rundstrecken-Challenge Nürburgring und schließlich in der Nürburgring Langstrecken-Serie – jener Rennserie, die als wichtigste Vorbereitung auf das legendäre 24-Stunden-Rennen gilt.

Der kontinuierliche Entwicklungsfortschritt weckte schließlich auch das Interesse von Volker Strycek. Der ehemalige Chef des Opel Performance Centers, langjährige Opel-Werksfahrer und Nürburgring-Rekordhalter zählt seit Jahrzehnten zu den prägendsten Persönlichkeiten des deutschen Tourenwagensports. Zahlreiche Siege und Titel feierte Strycek am Steuer von Opel-Fahrzeugen – darunter auch der Gesamtsieg beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring im Jahr 2003.

Ende 2024 testete der Ausnahmefahrer den BR2 erstmals auf der Nordschleife – und war sofort begeistert. Denn obwohl der kompakte Corsa mit seinen inzwischen rund 180 PS auf dem Papier deutlich schwächer ist als viele der Konkurrenzfahrzeuge, überzeugte er durch hohe Agilität, präzises Einlenkverhalten und enorme Kurvengeschwindigkeit. Während stärkere Fahrzeuge ihre Leistung vor allem auf den Geraden ausspielen, punktet der kleine Opel genau dort, wo die Nordschleife am anspruchsvollsten ist: in den schnellen und technisch schwierigen Kurvenpassagen. Besonders beeindruckt zeigte sich Strycek vom hohen „Corner Speed“, also der Geschwindigkeit, die der BR2 durch die Kurven tragen konnte.

„Mal lagen die Japaner vorne, dann wieder wir. Aber ab Runde 69 haben wir nach und nach Boden gutgemacht.“

– Markus Bitter, BITTER Motorsport –

109 Runden auf der Nordschleife: Der Bitter Racer 2 ließ die Konkurrenz letztlich deutlich hinter sich.
Die Spuren eines harten Rennens: Kratzer und Schrammen erzählen die Geschichte von 24 Stunden in der Grünen Hölle.
Geringes Gewicht, hohe Agilität und konstante Rundenzeiten spielten dem BR2 auf dem kurvenreichen Kurs in die Karten.
Während eines sogenannten Stints sitzt der jeweilige Fahrer mehrere Stunden am Stück im Cockpit.
Hinter dem Sieg in der Klasse SP2T stehen vier Namen – und 24 Stunden Teamarbeit am Limit.
Die Grüne Hölle bleibt seine Bühne: Volker Strycek schreibt auch mit 68 Jahren weiter Nürburgring-Geschichte.
Bis Runde 69 wechselte die Führung mehrfach zwischen dem Corsa und dem Toyota Yaris.

Damit war klar: Der kleine Außenseiter war bereit für die größte Bühne des Langstreckensports. Beim diesjährigen 24-Stunden-Rennen im Mai pilotierte Strycek gemeinsam mit seinen Bitter-Teamkollegen Christian Schäffer, Björn Morhin und Jan Soumagne den BR2 in der Klasse SP2T für seriennahe Tourenwagen und kompakte Fahrzeuge mit Turboaufladung. Dort traf das Team – neben insgesamt 161 Fahrzeugen im Feld – auf zwei Toyota Yaris, die mehr als 100 PS stärker waren und zusätzlich vom Toyota Motorsport Werksteam unterstützt wurden. Laut Presse galt der BR2 als leistungsschwächstes Fahrzeug der gesamten Klasse – und damit als klarer Außenseiter.

Hinzu kamen extreme Bedingungen mit schneidender Kälte, Regen und ständig wechselnden Streckenverhältnissen. Während der ersten Qualifyings am Donnerstag regnete es so stark, dass kaum abzuschätzen war, welches Potenzial im Fahrzeug tatsächlich steckte. Doch Runde um Runde kämpfte sich der kleine Opel ins Rennen hinein. Bis Runde 69 entwickelte sich in der SP2T ein packendes Kopf-an-Kopf-Rennen. „Da lagen mal die Japaner zwei Runden vorne, dann wieder wir. Von da an haben wir aber nach und nach Boden gutgemacht“, erzählt Markus Bitter.

„Erst belächelt, dann bewundert zu werden – was Schöneres gibt’s doch gar nicht.“

– Volker Strycek –

Technik, Präzision und Teamwork: Die Boxencrew während des Rennens.
Motorsport-Festival in der Eifel bei Nacht: Im Hintergrund das illuminierte RAVENOL-Riesenrad.
Motorsport trifft Tradition: Der Name Bitter genießt Kultstatus.
Teamarbeit rund um die Uhr: In der Box entscheidet präzise Mechanikerarbeit über Erfolg und Ausdauer.
Schlüsselmomente: Sekunden entscheiden über Positionen.
So sehen Sieger aus: Der BR2 verschaffte sich am Nürburgring eindrucksvoll Respekt.

Es wurde ein harter Kampf. Der BR2 wurde mehrfach touchiert und von der Strecke gedrängt. Trotzdem fuhr der Opel ohne technische Probleme weiter, ließ seine Konkurrenten hinter sich und erreichte schließlich das Ziel. Nach 24 Stunden hatte der Corsa 109 Runden auf der rund 25 Kilometer langen Strecke absolviert. Vor der Rekordkulisse von rund 352.000 Zuschauern holte das Team nicht nur den Klassensieg, sondern platzierte sich im Gesamtklassement sogar auf Rang 100.

Für Volker Strycek bedeutete der Erfolg einen weiteren persönlichen Meilenstein: Mit nun insgesamt 16 Klassensiegen ist er gemeinsam mit Heinz-Josef Bermes Rekordhalter in dieser Disziplin. Und auch mit 68 Jahren freut er sich über jeden weiteren Erfolg noch immer wie über seinen ersten.

Sein Instinkt hatte ihn nicht getäuscht: „Ich hatte mit den Motorsportchefs von Stellantis und Opel schon öfter darüber gesprochen, einmal ein Rallye-Auto für die Rundstrecke zu nutzen“, erzählt der ehemalige OPC-Chef, der Opel bis heute in verschiedenen Projekten beratend unterstützt – unter anderem bei der Entwicklung des Corsa Rally Electric.

Wie viel Nürburgring-Geschichte Strycek gemeinsam mit dem Bitter Motorsport Team noch schreiben wird, bleibt abzuwarten. „Erst belächelt, dann bewundert zu werden – was Schöneres gibt’s doch gar nicht“, so Strycek. Fest steht jedoch schon jetzt: Der Überraschungssieger aus der Grünen Hölle ist kein Einzelstück. Denn das Modell, das Bitter anbietet, unterscheidet sich optisch nur in wenigen Details vom renntauglich aufgebauten Klassensieger – und bringt damit ein echtes Stück Nürburgring-Feeling direkt in die eigene Garage.

Vom Außenseiter zum Sieger: Das Team um Markus Bitter (knieend) hat mit dem Klassensieg die traditionsreiche Verbindung zwischen Bitter und Opel eindrucksvoll fortgesetzt.

Mai 2026

Fotos: Isabel Hake/drive BITTER, Jochen Merkle/drive BITTER