Es ist wieder Betrieb in der Schmiede. Anders als früher. Wo jahrzehntelang Kurbelwellen, Zahnräder und andere Fahrzeugteile entstanden, stehen an diesem Sonntag Old- und Youngtimer. Menschen betrachten alte Fotos, ehemalige Beschäftigte suchen nach vertrauten Spuren. Auch rund um das Industriedenkmal reiht sich ein Klassiker an den nächsten. Tausende Besucher sind gekommen, um diese Premiere zu erleben. Und die Schmiede braucht wenig Inszenierung. 1936/37 errichtet, prägen mächtige Stützen, klare Raster, Oberlichter und Fensterfronten die 260 Meter lange Halle. Sie trägt ihre Vergangenheit sichtbar in sich. Gebrauchsspuren inklusive. Ein bisschen Industriedenkmal, ein bisschen Lost Place – und an diesem Tag wieder voller Leben.
Einer, der tief in die Geschichte des Ortes eingetaucht ist, ist Sam Khayari. Der Rüsselsheimer Künstler hat die Ausstellung „M1/WERKSPUREN“ konzipiert. Dafür durchforstete er Archive und historische Opel-Publikationen, sichtete Fotos und sprach mit ehemaligen Beschäftigten. Neben historischen Aufnahmen, Film und Exponaten finden sich auch die kleinen Geschichten. Etwa die von Schmiederesten, die Opelaner zusammenschweißten und zu Pflanzenständern für den heimischen Garten machten.
Über 80 Jahre Schmiede – erzählt in Bildern, Fundstücken und Erinnerungen.






Wie schwer die Arbeit hier war, zeigt Peter Wotzka mit einer Bewegung. Er greift mit beiden Händen nach einer ausgestellten Kurbelwelle. Anpacken. Anheben. „Noch so schwer wie damals“, sagt er. Wotzka kam 1984 in die Schmiede und arbeitete hier bis 2019. Zwei Jahre später, 2021, endete die Produktion in der Halle. Heute ist er zurück an seinem alten Arbeitsplatz. Er zeigt auf Säulen, sucht die Standorte der Maschinen – und erzählt, wie körperlich die Arbeit trotz zunehmender Automatisierung blieb. Die Maschinen sind weg. Die Handgriffe sitzen noch.
Ein Auto fürs Leben
43 Jahre mit demselben Auto – da kommt einiges zusammen. Achim Gerstenberger kaufte seinen Kadett D GTE neu, mehr als ein Jahrzehnt fuhr er ihn täglich. Heute ist das einstige sportliche Spitzenmodell selten, sein Exemplar noch immer unrestauriert und in Erstbesitz. Verkaufen? Kam nie infrage. „Da hängen viele, viele Jugenderinnerungen dran.“ Und nicht nur seine: Als Gerstenberger seine heutige Frau kennenlernte, war der Kadett längst da. Heute gehört er zu ihrer gemeinsamen Geschichte – und die Begeisterung für ihn teilen beide. Passend dazu warb Opel damals für den GTE mit dem Spruch: „Heiraten kann man ja noch später.“ Bei Gerstenberger hat offenbar beides funktioniert.
Faszinierende Klassiker, einstige Arbeitsplätze – und Erinnerungen, die geblieben sind.









In Schale geworfen
„Einmal Opelaner, immer Opelaner“, sagt Gerd Wohlfart. Und bei ihm stimmt das gleich doppelt: Der ehemalige Kollege sammelt gemeinsam mit seiner Frau Renate klassische Modelle – natürlich mit Blitz. Beim Rüsselsheimer Klassikertreffen sind die beiden seit der Premiere 2001 fast immer dabei. Diesmal haben sie ein besonderes Schmuckstück mitgebracht: ihr Opel Admiral Cabriolet von 1938.
Seit 25 Jahren gehört das Vorkriegs-Cabrio den Wohlfarts. Als der Rüsselsheimer es entdeckte, war von der heutigen Eleganz wenig zu sehen. Viele Stunden Restaurierungsarbeit folgten, die Suche nach passenden Ersatzteilen führte ihn sogar bis nach Schweden. Heute glänzt der Admiral wieder in Bordeauxrot – und seine Besitzer stehen ihm in nichts nach: Renate trägt langes Kleid und Hut, ihr Gatte Knickerbocker, Fliege und Schiebermütze. Zum Klassikertreffen gehört für die beiden eben nicht nur das passende Auto.
Für einen Tag wird aus dem Industriedenkmal
ein Ort voller Leben.








Menschen, historische Fahrzeuge, Erinnerungen – für Patrick Burghardt macht genau diese Mischung die besondere Qualität des neuen Veranstaltungsortes aus. „Dass hier heute Menschen mit ihren historischen Fahrzeugen zusammenkommen, zeigt eindrucksvoll, wie sich ein Ort mit Geschichte neu mit Leben füllen lässt“, sagt Rüsselsheims Oberbürgermeister.
Drinnen Historie, draußen Gegenwart
Auch vor der Schmiede geht das Klassikertreffen weiter. Moderator Bernd Schultz holt 33 ausgewählte Klassiker zur Präsentation vor das Publikum, während wenige Meter weiter aktuelle Opel-Modelle zeigen, wie die Geschichte weitergeht. Dazwischen wird geschaut, gefachsimpelt, gegessen und getrunken. Für ein paar Stunden ist die alte Schmiede wieder das, was sie über Jahrzehnte war: ein ziemlich lebendiger Teil von Rüsselsheim.
September 2026