„Feuerwehrfrauen können zu
Leitbildern für andere werden“

„Dieses Frauenteam wurde auf unsere Initiative zusammengestellt. Sie werden bei der weltweit größten Messe der Rettungs- und Brandschutzbranche antreten – der Interschutz.“

Jürgen Peitz, Opel

Die Opel-Werksfeuerwehr Rüsselsheim gibt jedes Jahr rund 100 Feuerwehreinheiten Gelegenheit, ihre Fertigkeiten weiter zu schulen – und zwar an aktuellen Opel-Modellen, deren Lebenszyklus nach endlosen Dauerlauftests  abgeschlossen ist. Die teilnehmenden Trupps löschen, schützen und retten meistens in Deutschland, doch auch norwegische und österreichische Einheiten waren schon in Rüsselsheim zu Gast.

Die Einheit, die unter Anweisung von Okay Kocak, Ausbilder der Opel-Werksfeuerwehr, an diesem Samstagmorgen übt, einen Schwerverletzten zuerst aus einem auf der Beifahrertür liegenden Astra, danach aus einem auf dem Dach liegenden ADAM zu befreien, ist eine ganze besondere. In der Schutzausrüstung und an den routinierten Bewegungsabläufen ist es auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen – doch das Team, das hier mit voller Konzentration zu Werke geht, besteht ausnahmslos aus Frauen.

 

„DIESE FRAUEN KÖNNEN ZU LEITBILDERN WERDEN“
„Als feste Einheit existiert diese Truppe nicht“, erklärt Jürgen Peitz, Leiter Versicherungseinstufung und Unfallschaden/Reparaturtechnik bei Opel, der die Übung beobachtet. „Dieses Frauenteam wurde auf unsere Initiative zusammengestellt. Sie werden bei der weltweit größten Messe der Rettungs- und Brandschutzbranche antreten.“ Auf der Interschutz, die am 8. Juni in Hannover beginnt, wird Opel mit einem Stand vertreten sein.

 


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Gleich geht’s los: Teambesprechung vor dem hydraulischen Werkzeug und den Unterbaublöcken, die zum Stabilisieren des Unfallfahrzeugs benötigt werden.

 

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Ordnung muss sein, am Unfallort erst recht (Foto oben): Isabelle Wenzel und Susanne Halstenberg bereiten die Geräteablage vor.
Zuversicht und Tatkraft (oben rechts): Isabelle Wenzel, Susanne Halstenberg und Stefanie Ammerbach warten auf ihren Einsatz.
Die wichtigsten Werkzeuge (rechts): Hydraulische Rettungsschere und Spreizer.

 

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Alles im Blick: Einsatzleiterin Martina Raupach.

 

Weshalb? „Einmal, weil wir zeigen möchten, dass die technischen Geräte, die unseren Rettungskräften heutzutage zur Verfügung stehen, auch von Frauen erfolgreich eingesetzt werden können“, so Peitz. „Und weil wir denken, dass Feuerwehrfrauen zu Leitbildern für andere werden können. Es gibt immer noch viel zu wenige weibliche Retter bei unseren Feuerwehren – und Nachwuchs ist immer schwerer zu finden.“

 

WENN MODERNE FAHRZEUGTECHNIK ZUR HERAUSFORDERUNG WIRD
Hochfeste bis höchstfeste Stähle, verbesserter Seitenaufprallschutz, modernste Rückhaltesysteme sind technische Weiterentwicklungen, die als Segen für den Straßenverkehr anzusehen sind und in der Regel zu unverletzten Passagieren führen. Jedoch können sie zur Herausforderung werden. Nach einem extremen Unfall nämlich, wenn Fahrer oder Passagiere schwer verletzt und in einem umgestürzten Fahrzeug eingeklemmt sind – und für die Rettungsteams ein dramatischer Wettlauf mit der Zeit beginnt…

Mehr als insgesamt eine Stunde zwischen Unfall und der Einlieferung in ein Krankenhaus darf niemals verstreichen – das ist Vorgabe in allen deutschen Rettungseinheiten. Und jede Minute, die es schneller geht, kann unter Umständen zwischen Leben und Tod entscheiden.

Da gilt: Gut vorbereitet und noch besser ausgerüstet sein. Und üben, üben, üben. Im Ernstfall schnell zur Stelle zu sein, ist die eine Sache. Einen eingeklemmten Verletzten aus einem auf Kopf oder Seite liegenden Fahrzeug erstens schnell und zweitens „patientengerecht“ zu befreien, eine andere. Die in den vergangenen Jahren um einiges schwerer geworden ist: Um A-, B-, C- und D-Säulen eines Pkw zu durchtrennen, so dass das Dach aufgespreizt werden kann, bedarf heute eines wesentlich höheren Schneid- und Spreizkraftaufwands als noch vor wenigen Jahren.


 

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Wenn jede Sekunde zählt, muss Hand in Hand gearbeitet werden: Der Löschtrupp wartet darauf, die Rettungsschere einzusetzen.

 

 

 

 

 

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Ohne die richtige Handhabung nutzt auch die beste Gerätetechnik nichts: Die A-Säule des Astra wird durchtrennt.

 

Zu-gleich: A- bis D-Säule sind durchtrennt, jetzt wird das Dach aufgebogen.

 

AUTOS ÖFFNEN BRAUCHT HEUTE VIEL MEHR RETTUNGSTECHNIK
Die Rettungsgerätesätze, die jeder deutschen Feuerwehreinheit dafür zur Verfügung stehen, sind normiert und  auch gut geeignet. Allerdings muss deren Handhabung den Rettern auch in Fleisch und Blut übergehen, damit im Ernstfall keine wertvollen Sekunden verloren gehen.

„Es wird viel zu oft vergessen: Es gibt über 1,3 Millionen Feuerwehrleute in Deutschland, aber nur 40.000 üben diese Aufgabe hauptberuflich aus“, erklärt Jürgen Peitz weiter. „Der Rest engagiert sich ehrenamtlich. Gerade auch diese zu unterstützen, ist uns seit jeher eine Verpflichtung.“

So hat Opel beispielsweise bereits 2006 als einer der ersten Hersteller Rettungsinformationen, die für ein Rettungsteam bei einem Unfall relevant werden können, auf der Homepage ifz-berlin.de online gestellt. Seit 2009 sind zusätzlich die fahrzeugspezifischen Datenblätter hier frei und kostenlos bereitgestellt. „Schließlich haben wir pro Jahr mehrere Hundertausende Klicks“, erzählt Peitz, der neben dem Vorsitz des VDA Arbeitskreis Retten auch das Opel-Engagement für und mit den Feuerwehren koordiniert.

 

DER NÄCHSTE GROSSE RETTUNGSSCHRITT: OPEL ONSTAR
„Aktuell präsentieren wir mit OnStar eine weitere Innovation, die unsere Rettungsdienste einen entscheidenden Schritt weiterbringt.“ Denn der persönliche Online- und Serviceassistent kann ihnen nach einem Unfall sekundenschnell den exakten Standort beziehungsweise die Fahrtrichtung eines Fahrzeugs benennen – auch, wenn Fahrer und andere Insassen nicht mehr in der Lage sind, einen Notruf auszulösen. Und: Er kann den Rettungsdiensten auch direkt mitteilen, ob Personen ansprechbar sind, Anstoßrichtung und Autofarbe bezeichnen, auf Wunsch auch Licht, Warnblinker oder Hupe auf Wunsch der Feuerwehr aktivieren, um das Auffinden eines zum Beispiel unter Büschen versteckten Wagens zu erleichtern. Aber auch, ob das Fahrzeug beispielsweise ab Werk auf Erdgas ausgerüstet ist – eine für die Einsatzteams ungeheuer wichtige Info.


 

Mit Umsicht: Die Feuerwehrfrauen befreien den Schwerverletzten aus dem auf der Beifahrertür liegenden Astra.

 

Obwohl sich das Team zuvor erst drei Mal gesehen hat, klappt die Koordination schon sehr gut.

 

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Die Ladies haben ganze Arbeit geleistet: Der Astra nach dem Rettungseinsatz. Doch bitte nicht traurig sein: Er wäre ohnehin in Kürze verschrottet worden.

 


„Man kennt sich untereinander, denn Frauen gibt es da ja nicht so viele.“

Einsatzleiterin Martina Raupach

Und wie stellt sich das Frauenteam an, das sich in Kürze auf der Interschutz behaupten will? Sehr gut. Dass an der Feinabstimmung noch gefeilt werden muss, überrascht niemanden. „Wir haben uns vor diesem Termin in dieser Konstellation erst drei Mal getroffen und zusammen Übungen durchgeführt,“ erklärt Einsatzleiterin Martina Raupach. Die Brandmeisterin arbeitet hauptamtlich bei der Freiwilligen Feuerwehr Obertshausen und hat sich ihr Team im Rhein-Main-Gebiet zusammengesucht, nachdem die Anfrage von Opel kam. „Man kennt sich untereinander, denn Frauen gibt es da ja nicht so viele.“

Rettungsübungen konnten bislang nur auf Schrottplätzen trainiert werden, an alten Fahrzeugen, die sich viel leichter aufschneiden lassen als fabrikneue Opel mit ihren wesentlich widerstandsfähigeren Materialien. „Von daher bringt uns dieser Tag unheimlich viel“, so die Feuerwehrfrau. Vor allem, weil alle mit Begeisterung bei der Sache sind – für die Idee, die hinter ihrem Aufritt steht.

 

„WIR WERDEN ALS TEAM PUNKTEN“
„Im Alltag wollen wir ja eigentlich nur unseren Job machen, und als Frauen gar nicht so sehr wahrgenommen werden“, erklärt Martina Raupach. Bei der Interschutz werden die Damen aber gerne mal geballte Frauen-Power präsentieren – „weil’s für eine gute Sache ist.“

Und wie schätzen sie ihre Chance ein?

„Bei der World Challenge, die einen Höhepunkt der Messe darstellt, absolvieren wir einen Rettungseinsatz im Wettbewerbsvergleich mit anderen Teams. Da geht es natürlich um Tempo, doch auch die Qualität der patientengerechten Rettung wird bewertet.“ Vor allem da sieht Martina Raupach eine Chance. „Da wir gegen zum Teil seit Jahren eingespielte Teams antreten, können wir mit Geschwindigkeit kaum punkten. Aber wir werden als Team überzeugen.“

 

Text: Eric Scherer, Fotos: Andreas Liebschner