Andere Schicht, andere Sicht

Diana ist ein bisschen aufgeregt. Die Sicherheitsschuhe trägt sie schon, als sie morgens am Tor 60 des Werks am Opel-Stammsitz wartet. Neben ihr steht Angelo. Beide arbeiten normalerweise in der Werkstatt Rüsselsheim der WfB Rhein-Main e. V. Heute ist alles anders. Für einen Tag arbeiten die beiden bei Opel. Stephan Zell holt sie am Tor ab und begleitet sie durch den Tag. Mitarbeiterausweis, Begrüßung, Sicherheitseinweisung – dann kann es losgehen. Durch die Hallen, vorbei an Staplern, Behältern und Regalen. Dorthin, wo Diana an diesem Vormittag selbst mitarbeiten wird.

Hinweis der Redaktion: Beim Schichtwechsel geht es um Teilhabe. Deshalb erzählen wir diese Geschichte bewusst in Einfacher Sprache.

Ihr Arbeitsplatz: Lenkräder. Davon gibt es 16 Varianten. Nicht alle können direkt an der Fertigungslinie bereitstehen. Deshalb wird vorsortiert. Oder, wie es im Werk heißt: sequenziert. Die Mitarbeiterin Andrea zeigt Diana, wie es geht. Ein Scanner zeigt an, welches Lenkrad als Nächstes gebraucht wird. Diana sucht die passende Nummer, nimmt das Lenkrad aus der Box und scannt das Label. So wird geprüft, ob sie das richtige Lenkrad genommen hat. Dann legt sie es in einen bereitstehenden Wagen. Und weiter geht es mit dem nächsten. Genau in der Reihenfolge, in der die Lenkräder später am Band gebraucht werden.

„Wer einen Tag miteinander arbeitet, lernt sich anders kennen. Genau das macht den Schichtwechsel aus.“

– Stephan Zell, Team Masterplan Werk Rüsselsheim –

Beim „Schichtwechsel“ tauschen Menschen mit und ohne Behinderung für einen Tag ihre Arbeitsplätze. 2026 beteiligen sich bundesweit rund 5.000 Menschen.
Erst scannen, dann einsortieren: Der Scanner gleicht das Lenkrad mit dem nächsten Auftrag ab. So landet die richtige Variante an der richtigen Stelle.
Nicht alle Lenkräder können direkt an der Linie bereitstehen. In der Sequenzierung werden sie in der Reihenfolge vorsortiert, in der sie später eingebaut werden.
Gleiche Aufgabe, andere Teile: Während Diana Lenkräder sequenziert, bereitet Angelo ein paar Meter weiter Federbeine für den Einbau an der Linie vor.
Gut vorbereitet: Stephan Zell vom Masterplan-Team hat den Tag im Werk bei Opel organisiert und begleitet Diana und Angelo durch ihre Schicht.
Thomas-Reinhold Retterath ist Meister der Integrationsabteilung INA. Hier arbeiten Kollegen, für die die Arbeit an der Fertigungslinie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr passt.

Ist der Wagen voll, wird er abgeholt. Fehlt eine Lenkradvariante, fordert Diana per Knopfdruck Nachschub an. Der Gabelstaplerfahrer bekommt das Signal und bringt neue Lenkräder. Angelo arbeitet ein paar Meter weiter an den Federbeinen. Und Diana hat den Dreh schnell raus. Bis zur Pause bestückt sie mit Hilfe von Andrea drei Wagen. Dieser Arbeitsplatz gehört zur Integrationsabteilung INA. In dem Bereich arbeiten derzeit rund 50 Opel-Kolleginnen und -Kollegen, die früher selbst an der Fertigungslinie standen. Aus gesundheitlichen Gründen können sie das heute nicht mehr. „An der Linie gibt die laufende Produktion den Takt vor“, sagt Meister Thomas-Reinhold Retterath. Nicht immer kann man das auf Dauer leisten.

Ein wichtiger Part der Produktion

In der Sequenzierung sorgen die Mitarbeiter dafür, dass die richtigen Teile in guter Qualität und in der richtigen Reihenfolge pünktlich an der Einbaustelle sind. Sobald eine Karosserie geschweißt und lackiert ist, steht die Reihenfolge für die Produktion der Fahrzeuge fest. Entsprechend werden die Teile vorsortiert. Am Band muss dann niemand mehr nach der passenden Variante suchen: Das nächste bereit gestellte Teil gehört genau zu dem Fahrzeug, das gerade montiert wird. So können unterschiedliche Modelle und Ausstattungen direkt hintereinander gebaut werden – in Rüsselsheim etwa Opel Astra und DS 4 mit unterschiedlichen Antrieben. In der Sequenzierung ist der Zeitdruck geringer als direkt an der Fertigungslinie. Bei INA geht es deshalb auch darum, Arbeit passend zu machen. „Entscheidend ist, eine Aufgabe zu finden, die zum Menschen passt“, sagt Retterath.

„Gleich beim Betreten der Schlosserei
sind mir die Parallelen zu unserer
Produktion aufgefallen.“

– Jens Schmidt, Interne Kommunikation Werk Rüsselsheim–

Gemeinsam an der Werkbank: Rainer (links) zeigt Jens Schmidt, wie die Lenksättel gebohrt werden. Rund 220 Menschen arbeiten in der WfbM in Rüsselsheim-Königstädten – unterstützt von etwa 40 Fachkräften.
Stefan Fischer (links) fertigt gemeinsam mit Karim Kunststoffringe. Die Werkstatt übernimmt Aufträge für verschiedene Unternehmen – von Montagearbeiten bis zur Metallverarbeitung.

Auch Henning Herrmann beschäftigt diese Frage jeden Tag. Er arbeitet im Fachdienst für berufliche Integration der Rüsselsheimer Werkstätten und unterstützt Menschen dabei, einen Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden. Bislang gelingt dieser Wechsel allerdings nur selten. Oft beginnt der Weg mit einem Praktikum. Dort können sich beide Seiten kennenlernen und ausprobieren, ob die Arbeit passt. Manchmal entsteht daraus die Möglichkeit, länger in einem Unternehmen zu arbeiten – und später vielleicht ganz auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu wechseln. Dafür braucht es Betriebe, die offen sind und Menschen etwas zutrauen. Der Schichtwechsel kann ein erster Schritt sein.

Tausch in die andere Richtung

Während Diana und Angelo bei Opel mitarbeiten, wechseln zwei Opel-Kollegen in die andere Richtung. Jens Schmidt aus der Internen Kommunikation und Stefan Fischer aus dem Masterplan-Team verbringen den Tag in der Rüsselsheimer Werkstatt der WfB Rhein-Main e.V. Dort arbeiten sie in der Schlosserei mit. Und manches kommt ihnen bekannt vor.

Alles auf einer Linie: Stephan Zell erklärt die Fertigung. In Rüsselsheim laufen vollelektrische Modelle ebenso wie Hybride und Verbrenner über dieselbe Produktionslinie.
Wie von Zauberhand: Nach der „Hochzeit“ werden Dutzende Schrauben gleichzeitig automatisiert angezogen. Sie verbinden Karosserie mit Fahrwerk samt Antrieb.
Vormittags hat Diana die Lenkräder vorsortiert. Jetzt erlebt sie an der Linie, wie eines davon in einen Astra eingebaut wird.
Auch Angelos Arbeit kommt an: Die vorsortierten Federbeine stehen an der Linie für den Einbau bereit.
In der Rüsselsheimer Werkstatt arbeitet Diana normalerweise in einer Handmontagegruppe. Dort übernimmt sie Montage- und Verpackungsarbeiten.

„Das ist mein Wagen!“

– Diana, Opel-Mitarbeiterin für einen Tag –

Auch hier beginnt der Tag mit einem Produktionsmeeting. Aufgaben werden verteilt, Arbeitsstände besprochen. Es gibt feste Arbeitsanweisungen und Schutzausrüstung. „Gleich beim Betreten der Schlosserei sind mir die Parallelen zu unserer Produktion aufgefallen“, sagt Jens. Gemeinsam mit Rainer bohrt er Lenksättel. Stefan fertigt mit Karim Kunststoffringe an einer Drehmaschine. Stefan nimmt noch etwas anderes mit: „Mich hat am meisten die freundliche Atmosphäre und die Herzlichkeit beeindruckt.“ Beim Arbeiten, in der Kantine und beim Kickern sei viel gelacht worden.

Ein Zebrastreifen ohne Farbe

Zurück im Automobilwerk. Ein Signal erklingt. Pause. Nach dem Essen in der Kantine – es gibt Pommes, Wurst und Kasselerschnitzel – führt Stephan Zell Diana und Angelo weiter durchs Werk. Unterwegs bleibt er an einem Zebrastreifen stehen. Eigentlich nichts Besonderes. Dieser hier schon: Er ist nicht aufgemalt, sondern wird auf den Boden projiziert. Stephan Zell gehört zum Team Masterplan und beschäftigt sich mit der Zukunft des Werks. Laufwege immer wieder neu aufzumalen, ist aufwendig. Denn das Werk verändert sich ständig. Also wird ausprobiert, ob es auch anders geht.

Stephan Zell bedankt sich bei Diana und Angelo für ihren Einsatz. Auch Werkleiterin Maike Seeber und Assembly Manager Alvin Strunk schauen zum Abschluss vorbei.
Ein Astra für zu Hause: Diana und Angelo bekommen zum Abschied jeweils ein Modell aus dem 3D-Drucker. An einem echten Astra haben sie an diesem Tag schließlich schon mitgebaut.
Zum Abschluss noch ein gemeinsames Foto am Bandablauf: Maike Seeber, Stephan Zell, Diana, Ramon Santos, Alvin Strunk und Sascha Holl vom Business Support (v. l.).

An der Linie erleben Diana und Angelo, wie Menschen und Maschinen zusammenarbeiten. Immer wieder sind Melodien zu hören: „Hänschen klein“, dann „Kuckuck, Kuckuck“. Gibt es an einer Station ein Problem, wird so Hilfe gerufen. Ein Roboter setzt eine Heckscheibe ein. Wenig später erleben die beiden die „Hochzeit“. So heißt der Moment, in dem Karosserie und Fahrwerk samt Antrieb zusammenkommen. Vieles ist neu. Doch dann entdeckt Diana etwas Vertrautes.

Da ist ihr Lenkrad

Beim Lenkradeinbau sieht sie einen Wagen, den sie am Vormittag bestückt hat. Sie strahlt. Ein Mitarbeiter winkt sie zu sich an die Linie. Plötzlich steht Diana mittendrin und sieht, wie eines der von ihr vorbereiteten Lenkräder in einen Astra eingebaut wird. Diana klatscht in die Hände. Am Ende der Linie treffen Diana und Angelo noch Werkleiterin Maike Seeber. Sie begrüßt die beiden – und muss sie fast gleichzeitig schon wieder verabschieden. Ihr Arbeitstag bei Opel ist vorbei. Und aus dem Schichtwechsel ist ein Sichtwechsel geworden.


September 2026

Text: Tina Henze; Fotos: Opel/Rudolf Mehlhaft, Tina Henze, WfB Rhein-Main e.V./Steffen Walther