São Paulo, 27. Oktober 1996. Manuel Reuter überquert im schwarzen Opel Calibra V6 4×4 als Vierter die Ziellinie. In diesem Moment schickt ihm sein Team eine Nachricht auf das Cockpit-Display. Ein einziges Wort: „Champ“. Reuter stutzt. Soll das heißen, er hat den Titel gewonnen? „Ich habe erst einmal nachgefragt, ob sie sich sicher seien und sich nicht verrechnet hatten“, erinnert sich der heute 64-Jährige. Doch die Rechnung stimmt. Reuter ist ITC-Champion – Sieger der International Touring Car Championship, der damals höchsten internationalen Tourenwagenserie.
Und das nach einem Rennwochenende, an dem so ziemlich alles schiefzugehen drohte. Schon beim Verladen am Frankfurter Flughafen war Reuters Calibra von einer Palette gefallen. Zwei Stoßdämpfer brachen, zwei weitere wurden verbogen. In São Paulo folgten Abstimmungsprobleme und ein Trainingsunfall. Mehr als Startplatz zwölf war nicht drin. Im ersten Rennen kämpfte sich Reuter auf feuchter Strecke auf Rang vier vor. Doch vor dem zweiten Lauf streikte der Anlasser. Statt aus der Startaufstellung musste er aus der Boxengasse losfahren. Dazu regnete es immer stärker.

„Ich konnte es gar nicht fassen, dass wir den letzten ITC-Titel der Geschichte errungen hatten.“
– Manuel Reuter über den entscheidenden Moment in São Paulo –
Mit Slicks durch den Regen
Dann die nächste heikle Entscheidung: Weil Titelrivale Bernd Schneider im Mercedes auf profillose Slick-Reifen wechselte, zog Opel nach. Auf nasser Strecke ein gewagtes Manöver. „Anfangs war es ziemlich gefährlich, ich musste zweimal durchs Kiesbett“, erzählt Reuter. Doch die Strecke trocknete ab. Während Schneider zunächst mit mangelndem Grip kämpfte, arbeitete sich Reuter mit seinem allradgetriebenen Calibra Position um Position nach vorne. Wieder Platz vier. Genug für den Titel – schon vor dem Saisonfinale in Japan.
Der Triumph war der Höhepunkt einer Saison voller Höhen und Tiefen. Reuter hatte früh die Meisterschaftsführung übernommen, war nach Kollisionen und technischen Defekten aber zwischenzeitlich zurückgefallen. Beim Heimrennen in Hockenheim meldete er sich eindrucksvoll zurück: Nach seinem Sieg stoppte er den Calibra mitten auf der Start-Ziel-Geraden und ließ sich von den Fans feiern. Die FIA verhängte dafür 10.000 Dollar Strafe. Reuters Kommentar bis heute: „Das war’s mir wert.“
520 PS und Technik am Limit
Die ITC war damals eine Rennserie der Extreme. Opel, Alfa Romeo und Mercedes-Benz lieferten sich mit hochgezüchteten Klasse-1-Tourenwagen einen erbitterten Kampf. Die V6-Motoren leisteten rund 520 PS, elektronische Differenziale, Renn-ABS und halbautomatische Getriebe gehörten zur Ausstattung. Technisch waren die Autos ihrer Zeit weit voraus – allerdings auch entsprechend anfällig.





„Die Klasse-1-Zeit war für jeden, der sie miterlebt hat, eine besondere Epoche.“
– Manuel Reuter über die ITC-Ära –
Opel hatte daraus gelernt. Nach Problemen mit der Zuverlässigkeit im Vorjahr vereinfachten die Ingenieure die Technik des Calibra und entwickelten für 1996 einen stärkeren Motor. Das zahlte sich aus. „Mit dem Zurückrüsten des Calibra kamen die guten Ergebnisse“, erinnert sich Reuter. 26 Wertungsläufe auf drei Kontinenten, namhafte Gegner und ein Titelkampf bis zum vorletzten Rennwochenende: Der Gewinn der ITC zählt neben Walter Röhrls Rallye-Weltmeistertitel von 1982 zu den größten Erfolgen der Opel-Motorsportgeschichte.
Für Reuter war 1996 gleich doppelt außergewöhnlich. Neben der ITC gewann er zum zweiten Mal die 24 Stunden von Le Mans. Drei Jahrzehnte später blickt Reuter mit Stolz und ein wenig Wehmut auf diese Zeit zurück. „Die Klasse-1-Zeit war für jeden, der sie miterlebt hat, eine besondere Epoche – sowohl für uns Fahrer wie auch für die Techniker und die Fans“, sagt der gebürtige Mainzer. „Und 1996 war wirklich ein goldenes Jahr!“

Oktober 2026