Schon am frühen Vormittag füllen sich die Wege zwischen Presswerk, Probefahrten und Klassikern. Familien schieben Kinderwagen über das Werksgelände, ehemalige Mitarbeiter treffen frühere Kollegen wieder, Opel-Fans fotografieren seltene Fahrzeuge. Tausende Besucher nutzen die Gelegenheit, einmal hinter die Werkstore von Opel Kaiserslautern zu blicken. 60 Jahre Opel in Kaiserslautern sind schließlich mehr als ein Jubiläum. Sie stehen für sechs Jahrzehnte Industriegeschichte in der Pfalz – und für einen Standort, der sich in den vergangenen Jahren zum zentralen Knotenpunkt im globalen Produktionsnetzwerk von Stellantis entwickelt hat.
Wer durch die Hallen und über das Gelände geht, begegnet Fahrzeugen aus sechs Jahrzehnten Opel-Geschichte, wirft einen Blick auf die neuesten Modelle oder steigt direkt zur Probefahrt in einen neuen Opel Astra ein. Ausgestellt ist auch die Performance-Studie Opel Corsa GSE Vision Gran Turismo. Besonders beeindruckend: Im Presswerk und im Schweißbereich läuft ein Teil der Produktion. So können die Besucher live erleben, wie moderne Fertigung funktioniert.
Dass Kaiserslautern heute ein Schlüsselstandort ist, wird an vielen Stellen sichtbar. Rund 2,8 Millionen Stellantis-Fahrzeuge wurden allein im vergangenen Jahr weltweit mit Komponenten aus der Pfalz gebaut. Seit 2016 hat sich der Standort vom klassischen Motorenwerk zu einem modernen Komponentenwerk entwickelt, das heute rund 400 verschiedene Bauteile für 30 Fahrzeugmodelle und sieben Marken fertigt.
„60 Jahre Kaiserslautern sind weit mehr als ein Jubiläum. Sie zeigen, wie industrielle Transformation gelingen kann – dank des Engagements der Menschen, die diesen Standort jeden Tag voranbringen.“
– Opel-CEO Florian Huettl –





Doch so beeindruckend Maschinen, Pressen und Produktionszahlen auch sein mögen – an diesem Tag geht es vor allem um die Menschen. „Es sind die Menschen, die alles bewegen“, sagt Werksdirektorin Bilyana Stern. Seit anderthalb Jahren steht sie an der Spitze des Standorts. Was sie besonders beeindruckt: der Zusammenhalt, die hohe Einsatzbereitschaft und die Bereitschaft, sich immer wieder neu auf Veränderungen einzustellen.
Auch Opel-CEO und Stellantis Deutschland-Chef Florian Huettl würdigt die Leistung der Belegschaft. Trotz hoher Auslastung und tiefgreifender Veränderungen in der Automobilindustrie habe sich Kaiserslautern erfolgreich weiterentwickelt. Teamarbeit, Engagement und klare Zielorientierung seien die Grundlage dieses Erfolgs.
Zu den Ehrengästen zählen unter anderem der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Michael Ebling, die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner, Oberbürgermeisterin Beate Kimmel und Landrat Ralf Leßmeister. Ebling bringt die besondere Verbindung zwischen Werk und Region auf den Punkt: „Hier ist man zuhause, weil sich Generationen von Familien mit diesem Werk verbunden fühlen.“ Genau dieses Gefühl zeigt sich beim Streifzug überall das Gelände.
„Es sind die Menschen, die alles bewegen. Tag für Tag erlebe ich in Kaiserslautern Zusammenhalt, Veränderungswillen und die Bereitschaft, gemeinsam besser zu werden.“
– Werksleiterin Bilyana Stern –





Die längste Schlange im K19
Michael Merz, Sassa Haydn und Fabio Dienes wollen die Besucher nicht nur zuschauen lassen. Also richten sie im K19 neben der Laserzelle eine Mitmach-Station ein. Dort entstehen Schlüsselanhänger, Modellautos aus Leder und kleine Rennwagen, die per Luftdruck durch einen Strömungskanal sausen. Mit dem Andrang haben die drei nicht gerechnet. Den ganzen Tag über wird die Warteschlange nicht kürzer. Am Ende sind alle erschöpft – und glücklich. Ihre Idee hat ins Schwarze getroffen.
Das Debüt im Werk
Fast 200 Pflichtspiele, Bundesliga-Aufstieg 2010 und Kultstatus auf dem Betzenberg: Florian Dick gehört zu den bekanntesten Gesichtern des 1. FC Kaiserslautern. Entsprechend groß ist der Andrang bei seiner Autogrammstunde. „Einige meiner Freunde arbeiten bei Opel, aber hier im Werk bin ich tatsächlich zum ersten Mal“, sagt der ehemalige Profi. Die anschließende Werksführung mit Bilyana Stern lässt er sich natürlich nicht entgehen.
Die Nummer 401651
Seinen Arbeitsvertrag unterschreibt Günther Korn am 28. März 1965. Die Nummer seines Werksausweises kennt er bis heute auswendig: 401651. Der heute 80-Jährige begann im kleinen Presswerk, arbeitete später im K19. Er hat die Geschichte des Standorts über Jahrzehnte hinweg miterlebt. Zum Jubiläum schaut er selbstverständlich vorbei – und wirft dabei auch einen Blick auf die neuesten Modelle. Besonders angetan hat es ihm der neue Frontera. Privat hat Korn bislang 28 Opel-Modelle gefahren. Sein persönlicher Favorit bleibt allerdings ein Calibra, den er bis heute besitzt.






Der Opel aus Niedermohr
Die bewegte Historie von Opel wird an diesem Tag nicht nur von Opel Classic erzählt. Werkzeugmacher Sascha Bauer bringt seinen Opel 6 Cabrio von 1936 aus Niedermohr mit nach Kaiserslautern und stellt ihn direkt an seinem Arbeitsplatz aus. So wird aus einem Oldtimer ein Stück gelebte Werkgeschichte.
Der seltene Aero
Holger Fuchs, Kolonnenführer im Werk und privat im Ascona Team Kaiserslautern aktiv, hat seine Kontakte in die Oldtimer-Szene spielen lassen – mit Erfolg. Einer der außergewöhnlichsten Gäste ist Kai Kratschmar aus Ditzingen. Er hat einen Opel Kadett Aero mitgebracht, von dem zwischen 1977 und 1978 lediglich 1.341 Exemplare gebaut wurden. Erst vor einem Jahr hat Kratschmar das Fahrzeug aus erster Hand übernommen und aufwendig restauriert. Bei aktuellen Opel-Modellen gefällt ihm besonders der Mokka. „Besonders optisch“, sagt er lachend. Als Schrauber alter Schule fühlt er sich in der Welt moderner Steuergeräte nicht ganz zuhause.






Der Blick in die Presse
2.500 Tonnen Presskraft. Die Transferpresse Straße 9 gehört zu den beeindruckendsten Stationen des Rundgangs. Weil sie auch am Festtag in Betrieb bleibt, können die Besucher einen seltenen Blick in das Innenleben moderner Produktion werfen. Einer von ihnen ist Bernd Trautmann. Bis vor sechs Jahren arbeitet er selbst im Motorenbau und in der Instandhaltung. Nun kehrt er als Besucher zurück – und schnuppert noch einmal Werkatmosphäre.
Das Lied für den Commodore
Die „Roof Rabbits“ gehören fest zur Opel-Familie. Ihr Musikvideo „Hey“ ist einst auf dem Dach der Werkshalle K40 in Rüsselsheim entstanden, Gitarrist und zweiter Sänger Jonas Eisenbraun entwickelt beruflich Autositze bei Opel. Zum Jubiläum bringen die Musiker einen besonderen Titel mit nach Kaiserslautern: „Commodore“, ihre deutsche Version von David Bowies „Rebel Rebel“. „Als die Anfrage aus Kaiserslautern kam, mussten wir nicht lange überlegen“, sagt Eisenbraun.
Am Ende dieses Tages sind es genau solche Geschichten, die bleiben. Die Geschichte eines Standorts lässt sich in Produktionszahlen erzählen. Oder in Fahrzeugen. An diesem Jubiläum wird vor allem eines deutlich: Es sind die Menschen, die aus 60 Jahren Opel in Kaiserslautern weit mehr machen als eine Unternehmensgeschichte.
Juni 2026