Was 1964 mit zähen Verhandlungen um einen neuen Produktionsstandort begann, entwickelte sich bis heute zu einem der wichtigsten Komponentenwerke im europäischen Produktionsverbund. Millionen Motoren, unzählige Pressteile, technische Innovationen und Generationen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern haben den Standort Kaiserslautern geprägt.
Sechs Jahrzehnte Werksgeschichte lassen sich auf viele Arten erzählen: chronologisch, anhand von Produktionszahlen oder technischer Meilensteine. Zum 60. Geburtstag wählen wir einen anderen Weg: einen Streifzug durch die Geschichte des Standorts von A bis Z. Zwischen Ansiedlungsvertrag und Warmumformung, Lehrwerkstatt und Presswerk, Wurstproduktion und Weltklasse-Technologie entsteht so ein Mosaik aus 60 Jahren Opel in Kaiserslautern.
A wie Anfang
Der Anfang ist für Lauterns Stadtväter alles andere als einfach. Sie wollen zu Beginn der 1960er Jahre die Opel-Geschäftsleitung überzeugen, das geplante neue Werk in der Pfalz anzusiedeln. Doch Opel interessiert sich auch für Standorte im Saarland und im Elsass. Rund 70, zum Teil geheime Treffen sind notwendig, bis sich beide Seiten einig werden. Endgültig unterzeichnet wird der Ansiedlungsvertrag am 22. Dezember 1964. „Dies war für Kaiserslautern die wichtigste Entscheidung der letzten 100 Jahre“, erklärt Oberbürgermeister Walter Sommer daraufhin.

B wie B-Diesel
Ein 1,9-Liter-Aggregat, das Kaiserslautern ab 2005 für nahezu alle Baureihen des Unternehmens fertigt. Die Anlagen werden während der noch laufenden Produktion des DI-Diesels installiert. Bereits 2013 läuft der einmillionste B-Diesel vom Band. Ein Jahr später wird zusätzlich ein Zwei-Liter-Diesel in die bestehende Linie integriert.
C wie Computer
Kollege Computer ist in den 1960er Jahren am Standort noch nicht an jedem Arbeitsplatz präsent, wird mit den Jahren aber unverzichtbar. Anlagenkonstrukteure wie Karl-Heinz Pfiffi setzen dennoch lange lieber auf Zeichenstift und Reißbrett, um selbst kleinen technischen Details eine konkrete Gestalt zu geben. Und was Pfiffi damals über den Computer sagte, hat durchaus auch in Zeiten von KI Bestand: „Der kann ein nettes Hilfsmittel sein, aber kreativ sein muss man schon selber.“

D wie DI-Diesel
1991 sichert sich die Opel-Pfalz den Zuschlag für den Bau eines neuen Dieselmotorenwerks. Im Bewerbungsverfahren setzt sich der Standort gegen zahlreiche Mitbewerber aus Osteuropa durch. Im K30 entsteht daraufhin die damals modernste Motorenfabrik der Welt. In Spitzenzeiten laufen täglich 1.174 „Direct Injection“-Dieselaggregate in drei Schichten vom Band. 2001 passiert der einmillionste DI-Diesel den finalen Prüfstand.
E wie Eröffnung
Offiziell gefeiert wird sie am 3. Juni 1966. Zu diesem Zeitpunkt brummt der Betrieb allerdings längst. Rund 2.200 Mitarbeiter bewegen bereits monatlich 5.600 Tonnen Material – hauptsächlich Gelenkwellen, Kupplungen, Lenkgetriebe und Automatenteile. Eine Eintragung im Schichtbuch vom 15. Dezember 1965 dokumentiert die erste Inbetriebnahme einer Maschine: „Beide Automaten sind ab 10 Uhr gelaufen. Teile sind um 14.45 Uhr okay.“ Mehr Pathos war für den Beginn einer Erfolgsgeschichte offenbar nicht nötig.

F wie Familie II
So heißt die Motorenfamilie der 1,6-Liter-Aggregate, die vor allem in Kadett und Ascona zum Einsatz kommen. Die Produktion startet 1981. Für sie entsteht mit dem K30 eine neue Fertigungshalle. Auch die Belegschaft wächst weiter. Mitte der 1980er Jahre arbeiten 6.630 Menschen in der Opel-Pfalz. Bis 1999 werden 5,6 Millionen Familie-II-Einheiten produziert.
G wie Grandland
Der SUV gehört heute zu Lauterns größtem Abnehmer. Rund 18.000 Pressteile werden pro Woche ins Montagewerk nach Eisenach geliefert. Längsträger, Radkästen, Achsteile, Türaufprallträger und vieles mehr. Crashrelevante Bauteile wie Dachstreben entstehen in einer Warmumformungsanlage. Sie sorgt selbst bei dünnwandigen Blechen für hohe Festigkeit, geringes Gewicht und ein Plus an Sicherheit.

H wie Hausverbot
Das sprach der Lautrer Betriebsrat 1974 allen Politikern aus. Mit „leeren Wahlversprechungen“ solle niemand mehr ins Werk kommen. Betriebsratsvorsitzender Dieter Krüger schickte sogar ein Telegramm an Bundeskanzler Willy Brandt. Der Grund: Die Lautrer waren unzufrieden mit dem Umgang der Politik mit der Ölkrise. Unter ihr – und unter den Diskussionen über Sonntagsfahrverbote und Tempolimits – litt die gesamte Automobilindustrie.
I wie Ikea
Die Automobilindustrie wandelt sich. Auch die Opel-Pfalz muss auf weniger Fläche produktiver werden. 2012 einigt sich die Geschäftsleitung mit dem schwedischen Möbelriesen Ikea. Dieser hat die unmittelbare Nähe des Opel-Kreisels zur A6 als idealen Standort für eine weitere Niederlassung ausgemacht. So wechseln das Verwaltungsgebäude K2 und der Parkplatz vor dem Hauptportal den Besitzer. Für die Facility-Management-Bereiche beginnt damit eine Mammutaufgabe. Das K2 war das erste Gebäude des Standorts; die gesamte Werksinfrastruktur war gewissermaßen aus ihm herausgewachsen. Telekommunikation, Informationstechnologie, Elektrizität und vieles mehr mussten neu organisiert werden. Kabel und Verteilstationen wurden verlegt, ohne den laufenden Betrieb zu beeinträchtigen.

J wie Jubiläen
Davon wurden in der Pfalz in den vergangenen sechs Jahrzehnten so viele gefeiert, dass sie hier unmöglich alle aufgezählt werden können. Stellvertretend sei eines genannt: Bereits 2004 wird in Kaiserslautern die 500.000. Motorhaube aus Aluminium gefertigt. Später wird sie in einem Opel Signum verbaut. Mit dieser anspruchsvollen Leichtmetall-Komponente reagiert Opel früh auf die Notwendigkeit, Fahrzeuggewicht zu reduzieren und damit Effizienz zu steigern.
K wie K19
Die Adresse des Pfälzer Presswerks. 1972 geht es im Westen des Standorts mit zwei Pressenstraßen in Betrieb. Täglich entstehen aus rund 50 Tonnen Material Karosserie- und Fahrwerksteile für Kadett, Ascona, Rekord, Commodore und Admiral. Doch das ist erst der Anfang. Heute ist das Presswerk das Herz der Opel-Pfalz. Kaiserslautern beliefert mehr als 20 Stellantis-Werke in Europa mit Pressteilen, die in über 30 Fahrzeugmodellen verbaut werden. Mehr als 400 Bauteile gehören inzwischen zum Portfolio.

L wie Lehrwerkstatt
1967 beginnen 51 Lehrlinge ihre Ausbildung in Kaiserslautern. Sie lernen Berufe wie Maschinenschlosser, Werkzeugmacher, Modelltischler, Betriebsschlosser oder Feinblechner. Die Qualität der Ausbildung ist hoch – und bleibt es bis heute. Aktuell werden 80 Auszubildende in technischen Berufen auf ihre Zukunft vorbereitet.
M wie Meistermannschaften
Meister hat die Opel-Pfalz viele hervorgebracht. 84 waren es bereits zur Werkseröffnung; sie hatten zuvor Lehrgänge in Rüsselsheim absolviert. Zweimal feiert die Belegschaft mit ihrem Heimatverein, dem 1. FC Kaiserslautern, auch die Deutsche Fußballmeisterschaft – 1991 und 1998. Die Roten Teufel gewinnen ihre Titel nicht mit den teuersten Spielern, sondern als starkes Team. Eine Erkenntnis, die auch die Opelaner in der Pfalz früh für sich übernommen haben. 1984 formuliert es Werkdirektor Heinrich Peter Klein so: „In diesem Unternehmen hat man keine Chance, wenn man sich als Star fühlt – man muss sich stets in die Gruppenarbeit einbinden.“
N wie Nulltoleranz
Qualität entscheidet sich oft im Detail. Deshalb kennen die Opel-Pfälzer bei der Qualitätskontrolle traditionell keine Kompromisse. Aluminium-Motorhauben für den Insignia wurden beispielsweise im sogenannten Grünlichtraum unter besonderen Lichtverhältnissen geprüft. Das grüne Licht eignete sich besonders gut dazu, selbst kleinste Unebenheiten auf den glatten Oberflächen sichtbar zu machen. Erst wenn die Qualitätsprüfer zufrieden waren, erhielt die Haube grünes Licht für den weiteren Produktionsprozess. Dieser hohe Anspruch an Präzision steckt seit Jahrzehnten in den Komponenten aus Kaiserslautern – und machte die Pfalz zu einem wichtigen Zulieferstandort innerhalb des Opel-Produktionsverbunds.
O wie ortsgebunden
Nur ein kleiner Teil der Belegschaft, die 1966 im neuen Werk anfängt, hat zuvor Erfahrungen in den Opel-Werken Rüsselsheim oder Bochum gesammelt. Fast alle der rund 2.200 Beschäftigten stammen aus der damals noch stark landwirtschaftlich geprägten Region. Kaum einer ist in einem Industrieberuf ausgebildet, sondern wird vor Ort angelernt.

P wie Ponderosa
Die wohl originellste Adresse der Anfangsjahre. Die Zentrale Bau- und Materialabteilung zieht seinerzeit in einen ehemaligen „Rod & Gun Club“ der US-Amerikaner ein. Im Werksjargon wird das Gebäude bald zur „Ponderosa“ – benannt nach der Ranch der Cartwrights aus der damals populären Fernsehserie Bonanza. Der Spitzname hält sich lange und zeigt, dass die Opel-Pfälzer schon früh ihre ganz eigene Werkssprache entwickeln.
Q wie Qualitätssicherung
Wird in Kaiserslautern seit jeher großgeschrieben. Immer wieder kommen dabei Verfahren zum Einsatz, die später für die gesamte Branche richtungsweisend werden. Ein Beispiel ist die „ScanBox 5120“, die 2014 in der Pfalz Premiere feiert. Bis dahin erfolgen viele Prüfungen mit klassischen Koordinatenmessmaschinen. Die ScanBox ermöglicht erstmals eine vollflächige optische 3D-Erfassung. Das beschleunigt Soll-Ist-Vergleiche erheblich und liefert Daten, die sich direkt für Fräsprogramme nutzen lassen.
R wie Ramstein Air Base
Der größte Militärflughafen Europas ist seit Jahrzehnten unüberhörbarer Nachbar des Opel-Standorts. Als Mitte der 1960er Jahre bekannt wird, dass Opel in der Einflugschneise bauen will, verlangen die US-Militärs von den Stadtvätern eine Garantie für mögliche Schadensersatzansprüche, falls eines ihrer Flugzeuge auf das Werk stürzen sollte. Die erhalten sie nicht. Gute Nachbarn werden beide Seiten trotzdem.
S wie Streik
Der Konflikt um die 35-Stunden-Woche führt 1984 zum bis dahin härtesten Arbeitskampf in der Geschichte der Bundesrepublik. Während des rund sieben Wochen dauernden Streiks stehen in der deutschen Automobilindustrie die Bänder still. Die Arbeitgeber reagieren mit „kalter Aussperrung“, viele Beschäftigte erhalten nicht einmal Kurzarbeitergeld. In Kaiserslautern sind 4.400 Mitarbeiter wochenlang ohne Lohn. Am Ende steht ein Kompromiss: Die Tarifpartner einigen sich auf eine Wochenarbeitszeit von 38,5 Stunden.

T wie Team Gesundheit
Gesund arbeiten – und gesund bleiben. Dafür engagiert sich die Opel-Pfalz seit vielen Jahren. Neue Arbeitsplätze werden unter ergonomischen Gesichtspunkten bewertet, zugleich werden regelmäßig Einsatzmöglichkeiten für eingeschränkte oder leistungsgeminderte Beschäftigte gesucht. Im „Steuerkreis Gesundheit“ arbeiten Personalwesen, Betriebsrat, Schwerbehindertenvertretung, Ergonomiebeauftragte und Werksarzt Hand in Hand. Dabei geht es ebenso um Trainingsangebote wie um gesunde Ernährung. Denn auch die Belegschaft in Kaiserslautern wird älter. Um langfristig fit zu bleiben, braucht es Initiativen – und ein starkes Team.
U wie Umformung
Bei der Warmumformung von Pressteilen spielt die Temperatur eine entscheidende Rolle. Wobei „warm“ eine deutliche Untertreibung ist. Zum Jahreswechsel 2020/21 werden im K19 ein neuer, 80 Tonnen schwerer Pressentisch sowie ein 40 Meter langer Ofen installiert. Er erhitzt Blech auf bis zu 930 Grad Celsius und macht es formbar. Anschließend wird es in Sekundenschnelle in die gewünschte Form gepresst und wieder abgekühlt. Das Ergebnis sind Bauteile mit besonders hoher Festigkeit bei vergleichsweise geringem Gewicht. Vor allem bei crashrelevanten Komponenten sorgt das für mehr Sicherheit und hilft zugleich, den Energieverbrauch moderner Fahrzeuge zu senken. Zu den ersten Fahrzeugen mit warmumgeformten Bauteilen aus Kaiserslautern zählt der Mokka.

V wie „de Vatter“
So nennen die Mitarbeiter den Obermeister und späteren Presswerkleiter Rudi Leichtfuß. Sein größter Stolz ist „die Schuler“, damals die größte Stufenpresse Europas, die 1974 im K19 Einzug hält. Zu seinen Ehren fertigen Presswerk-Mitarbeiter über Monate in geheimer Mission ein detailgetreues Modell der Anlage im Maßstab 1:20. Davor steht eine ebenso originalgetreu gestaltete Leichtfuß-Figur, die zustimmend mit dem Kopf nickt. Das Modell dient heute noch in der Berufsausbildung als Anschauungsobjekt.
W wie Wurst
Doch, tatsächlich: In ihren Anfangsjahren produziert das Personal der Werksküche in der Opel-Pfalz eine werkseigene Wurst. Einer der ersten Mitarbeiter, die sich im neu eingeführten Vorschlagswesen engagieren, ist der Schichtführer und gelernte Metzger Anton Kraus. Seine Idee: Den monatlichen Wurstbedarf der Kantinen von rund 500 Kilogramm selbst herstellen. Der Vorschlag rechnet sich – und wird umgesetzt.

X wie X20XEV
So lautet der Motorcode eines Aggregats aus der Familie-II-Fertigung, das Mitte der 1990er Jahre zu den meistverbauten Triebwerken von Opel gehört. Der 16V-Ecotec mit 136 PS (100 kW) kommt in Vectra B, Omega B, Calibra, Astra G, Zafira A und Frontera B zum Einsatz.
Y wie Y20DTH
Der Motorcode eines Zweiliter-Diesels, der ab 2000 in nahezu ebenso vielen Opel-Modellen verbaut wird wie das vorgenannte Familie-II-Aggregat. Mit 16 Ventilen und 101 PS (74 kW) erfüllt der Direkteinspritzer die damals neue Euro-3-Abgasnorm. Besonders in den Volumenmodellen Astra G und Zafira A ist die Nachfrage groß. Entsprechend hohe Stückzahlen rollen in Lautern bis 2005 vom Band.

Z wie Zukunft
(folgt)
Juni 2026