Under the direction of Mariella Vogler, the new Astra generation was developed differently from any Opel before: more emotional, with a strong focus on “perceived quality”.

Ein Astra voller Emotionen

Die Chefingenieurin

Die beruflichen Wurzeln von Mariella Vogler – sie ist seit 29 Jahren bei Opel – liegen im Qualitätswesen. Sie hat sich intensiv mit der „Hard Quality“ beschäftigt, aber auch der „Soft Quality“, also der Frage, was ein Auto über alle Sinnesgrenzen hinweg begehrenswert macht. Die Maschinenbauingenieurin hat bereits die Entwicklung des Ampera verantwortet, ebenso des Zafira B und des Cascada.


Frau Vogler, die sechste Generation des Kompaktklasse-Bestsellers wurde komplett neu entwickelt. Wie beginnt man einen solchen Prozess – mit einem weißen Blatt Papier, leer, voller Möglichkeiten?
Mariella Vogler: Der Entwicklungsprozesses begann für mich in einem Besprechungsraum im Design Center. Damals, im Frühjahr 2018, habe ich dort zum ersten Mal 3D-Animationen und Skizzen des Astra-Designs gesehen. Alles, was ich getan habe war – zuhören. Die Designer sind unsere Kreativen, unsere Künstler im Unternehmen. Sie sprechen eine andere Sprache als wir Ingenieure. Sie kommen über das Gefühl – und ich wollte ihre Gefühlswelt begreifen. Es ist der essenzielle Schritt in der Anfangsphase. Ich muss diese Gefühlswelt begreifen, um sie in die Ingenieurssprache zu übersetzen. Daraus wiederum entsteht dann das Auto, das in den Kunden die Gefühle auslösen soll, die die Designer vorgegeben haben. Diese Übersetzungsarbeit ist die wichtigste Fähigkeit, die ein Chefingenieur und sein Team beherrschen muss.

Welche Gefühlswelt haben Sie aus der Besprechung mitgenommen?
Der neue Astra sollte begehrenswert werden – ‚Bold and pure‘. Mutig und klar. Das deckte sich mit dem Auftrag, den ich wenige Wochen zuvor von der Konzernspitze erhalten hatte: ‚Erschaffe einen Astra mit Charakter.‘ Schon hier fiel der Begriff der neuen Ära. Ich habe bereits die Entwicklung anderer Modelle verantwortet, zum Beispiel die des Opel Cascada. Aber ich hatte noch nie eine so eindeutige Ausgangslage und ich wusste sofort: Wir haben es in der Hand, etwas ganz Besonderes zu schaffen. Und nicht nur weil der Astra erstmals als Plug-in-Hybrid und rein batterie-elektrisch vorfahren sollte. Das Ziel war ein Auto, das über alle Sinnesgrenzen hinweg Glücksgefühle auslöst.

Mutig und klar: Um einen Astra mit diesen beiden Charaktereigenschaften zu entwickeln, hat die Chefingenieuerin Mariella Vogler ein Kernteam aus Kollegen zusammengestellt, die diese Werte verkörpern.

So ein Entwicklungsprozess eines Fahrzeugs ist lang und komplex. Was ist die Grundvoraussetzung dafür, dass man das gesteckte Ziel auch erreicht?
Es ist das Team, das daran arbeitet. Wenn ich ein Auto erschaffen möchte, dessen Charaktereigenschaften Stärke und Klarheit sind, dann muss jedes einzelne Teammitglied diese Haltung verkörpern. Also habe ich für das Kernteam Kollegen ausgewählt, die genau das verkörpern: Eine klare Haltung und Stärke in Form von Mut. Mut, Neues zu schaffen, aber auch Gegenwind auszuhalten. Denn eines war mir klar: Das, was mir die Designer mit Mark Adams an der Spitze präsentiert hatten, war ein Diamant! Und der sollte nicht durch Kompromisse zerstört werden. Sondern exakt so realisiert werden.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Hälfte des 25-köpfigen Kernteams für den Astra aus Frauen besteht. War das beabsichtigt?
Nein, eigentlich nicht. Das hat sich aus dem Anforderungsprofil ergeben. Ob Technik, Entwicklung, Einkauf, Produktion, Timing, Qualität oder Kosten – auf jeder Position ist das ‚Best talent on the job‘. Außerdem war es mir wichtig, eine Mannschaft zusammenzustellen, die sich durch Teamgeist und Integrität auszeichnet. Nur wenn alle vertrauensvoll zusammenarbeiten, mit großer Offenheit und gegenseitiger Wertschätzung, kann Großes entstehen. Mit Ellenbogen-Mentalität erschafft man kein Auto, das positive Gefühle zu wecken vermag.

August 2021, Mariella Vogler hat in den Opel-Turm eingeladen. Das 1929 erbaute
14-stöckige Backsteingebäude auf dem Rüsselsheimer Werksgelände beherbergt die Pilotlinie für Prototypen. Weitere Mitglieder des Kernteams sind gekommen, außerdem steht bereit: ein neuer Astra. Es ist eines der in Handarbeit gefertigten Einzelstücke, die zwei Wochen später bei der Weltpremiere auf der Bühne stehen werden.

Frau Vogler, vielen Dank für die Einladung. Im Video-Call vor einigen Wochen sind wir zu dem Schluss gekommen, dass sich die Attribute „mutig“ und „klar“ – die Basis für den neuen Astra – am besten vor Ort erkunden lassen. Auf den ersten Blick sticht die Klarheit der Front mit dem neuen Opel Vizor ins Auge.
Mariella Vogler: Definitiv, das Attribut ‚klar‘ als eines der beiden Leitmotive basiert auf dem Opel-Kompass, zwei sich kreuzende Linien, die zentral im Opel-Blitz zusammenlaufen. An der Front wird die vertikale Achse durch die noch schärfere Bügelfalte in der Motorhaube bestimmt, die unterhalb des Blitzes weitergeführt wird. Die flügelförmige Grafik des Tagfahrlichts markiert die horizontale Achse. Diesen Opel-Kompass haben wir mit voller Konsequenz umgesetzt – bis ins Detail. Zum Beispiel hätte bei der Rückansicht das waagerechte Bremsrücklicht die vertikale Linienführung unterbrochen. So haben wir – erstmals überhaupt an dieser Stelle – ein senkrechtes Lichtelement konzipiert.

Ein Gefühl des Vertrauens: Durch die klare und starke Linienführung in der Seitenansicht, soll der Fahrer sich und seine Familie sicher aufgehoben wissen.

Und wie weckt der neue Astra die Emotionen seiner Insassen?
Was den Astra so begehrenswert macht, ist die ist die Summe starker Gefühle, die sich in all den einzelnen Facetten des Autos wiederfinden. Nehmen wir zum Beispiel die Seitenansicht, die sich durch eine klare, gleichzeitig aber auch starke Linienführung auszeichnet. Wenn man als Vater oder Mutter das Kind auf die Rückbank setzt und die Tür schließt, muss sich ein Gefühl des Vertrauens einstellen. Man muss sich und seine Familie geschützt wissen. Oder nehmen wir dieses kleine Detail an der C-Säule: Die angedeuteten Lamellen – sie sind eine Reminiszenz an den Opel Kadett. Damit zollt der Astra seiner langen Historie Anerkennung.

Gibt es eine Facette, die es Ihnen besonders schwer gemacht hat, ein positives Gefühl hervorzurufen?
Der Öffnungsmechanismus des Kofferaumdeckels ist dafür ein gutes Beispiel. Unser Ziel war es, ein ungutes Gefühl zu vermeiden, das jeder kennt: Das, wenn man zum Entriegeln in eine nicht einsehbare – vielleicht schmutzige – Mulde an der Heckklappe greifen muss. Wir haben den Mechanismus in das Blitz-Logo integriert. Zu bedienen mit einer Hand, die Fingerspitzen greifen in eine ergonomisch geformte Mulde. Ein Blitz zum Anfassen, ein Mechanismus, der Verbundenheit auslöst. Vieles in unserer 9-spaltigen Entscheidungsmatrix sprach dagegen. Aber wir haben es dennoch getan. Eben weil wir das Öffnen mit einem guten Gefühl verbinden wollten.

Vieles sprach dagegen. Wir haben es dennoch getan – wegen des guten Gefühls.

Auf die Frage, welche Gefühlswelt einen im Inneren des Astra erwartet, bittet Mariella Vogler einen Kollegen aus der Internen Kommunikation, der den neuen Astra heute zum ersten Mal sieht, einzusteigen. Also Tür auf und ab auf den Fahrersitz – ein tiefer Seufzer ist zu hören. Die Chefingenieurin lacht, die Mitglieder des Kernteams nicken wissend.

Ein Gefühl des Ankommens: Das Ziel war es, durch die Reduktion auf das Wesentliche, das Entwicklungsteam spricht von ‚Visual Detox‘, eine Wohlfühlatmosphäre im Innenraum zu schaffen.

Mariella Vogler: Das passiert oft. Die Menschen setzen sich hinter das Lenkrad, schauen sich um – und atmen auf. Ganz unbewusst. Es ist ein Gefühl des Ankommens, man fühlt sich wohl. Auch das haben wir durch Klarheit geschaffen. Durch die Reduktion auf das Wesentliche. Wir sprechen von ‚Visual Detox‘. Ich gehe so weit und sage, dass jeder Kunde, der sich in den Astra hineinsetzt, dieses wohlige Gefühl erlebt. Er will diesen Astra besitzen und fahren wollen.

Den Zeitensprung, den Sie für den Innenraum ausgerufen haben, ist vor allem verknüpft mit dem Opel Pure Panel. Was macht das neue Cockpit so besonders?
Es ist die Seele des Astra. Wir wollten nicht einfach nur plump einen Bildschirm ins Cockpit setzen, der wirkt, als habe man einen Fernseher ins Auto gebaut. Wir wollten etwas Neues schaffen, ein Alleinstellungsmerkmal. Eine voll ins Auto integrierte Komponente. Ich wusste, dass wir die Integration geschafft hatten, als sich plötzlich von Klima/Heizung über Elektronik bis Hardware mehrere Bereiche für das Pure Panel verantwortlich zeichneten. Für Außenstehende mag das unspektakulär klingen, aber die Formel ‚eine Komponente – ein Owner‘ ist in der Entwicklungsarbeit eigentlich in Stein gemeißelt. Da war klar: Jetzt ist die volldigitale Mensch-Maschine-Schnittstelle untrennbar mit dem Auto verbunden.

„Das Pure Panel ist voll in das Auto integriert – es ist seine Seele.

Sie haben dem Opel Pure Panel auch Schalter mit Funktionen spendiert, die sich direkt auswählen lassen – warum?
Das war eine sehr bewusste Entscheidung – auch hier waren Gefühle unser Ausgangspunkt. Ein Beispiel: Man ist schon lange unterwegs, der Verkehr fließt zäh, es ist heiß und dann kommt der Moment, an dem man denkt: Ich brauche frische Luft, sofort! Dafür gibt es mittig positioniert den Schalter ‚Max AC‘ für maximale Power aus der Klimaanlage. Ein Knopfdruck – und der Astra zeigt sich dem Fahrer von seiner zuvorkommenden Seite.

Ein Gefühl der Zuvorkommenheit: Einige Funktionen lassen sich direkt per Schalter bedienen, so etwa ‚Max AC‘ für sofortige maximale Power aus der Klimaanlage.
Ein Gefühl des Begehrens: Bei den in Eigenregie entwickelten AGR-Sitzen stehen Sitzstoffe zur Auswahl, „aus dem man sich am liebsten einen Mantel schneidern lassen möchte“, sagt Chefingenieurin Mariella Vogler.

Es gäbe noch so viel mehr zu entdecken. Denn natürlich bringt der Astra wieder Innovationen in die Kompaktklasse, die man bislang nur von teuren Fahrzeugen kennt. Dazu gehöre die jüngste Version des adaptiven Intelli-Lux LED® Pixel Lichts oder die in Eigenregie entwickelten AGR-zertifizierten Vordersitze, inklusive eines Sitzstoffes, „aus dem man sich am liebsten einen Mantel schneidern lassen möchte“, so Mariella Vogler. Doch das Team muss zum nächsten Termin in die Fertig- und Endmontage. Dort wird der Astra ab Herbst in Serie produziert. Natürlich sei es Chefsache die Vorbereitungen dafür zu begleiten: „Wir können nur Begehrlichkeiten wecken, wenn auch die Qualität hervorragend ist“, betont Mariella Vogler. Zeit für eine letzte Frage.

Ist der Astra der Diamant geworden, den Sie sich erhofft haben?
Mariella Vogler: Eindeutig: Ja! Das zeigt sich auch an einem Gefühl, das im gesamten Team vorherrscht: Es ist Stolz. Der Stolz auf so ziemlich jeden einzelnen Millimeter, den wir geschaffen haben. Wir wünschen uns, dass ganz viele Kunden, diese Begeisterung spüren, die die Designer, die wir Ingenieure in das Auto hineingegeben haben. Meine Überzeugung ist: Das Herz kauft ein Auto – lange bevor der Verstand die Gründe dafür gefunden hat. Und in diesem Opel steckt sehr viel Herz von jedem Einzelnen, der an der Entwicklung beteiligt war. Wir wollten dem Kunden die Entscheidung leicht machen.

Video: Chefingenieurin Mariella Vogler spricht darüber, was den neuen Astra besonders macht.


September 2021

Interview: Tina Henze, Fotos: Andreas Liebschner, Opel